2.5. Zirkularkorrespondenz

Das Konsistorium schrieb nicht alle Dekanate einzeln mit gesonderten Schreiben an, sondern ließ wenige Schreiben "circuliren". Der Empfang und teilweise auch wieder der Abgang wurden auf dem Schreiben notiert. Nachfolgende Wiedergabe zeigt Streckenführung und LaufzeitLKA, DA Neuenstadt am Kocher, Nr. 79 Schulwesen 1804-1881.:

Stuttgardt im Königl: OberConsistorium d: 7. Jul: 1807.

Ludwigsburg, erhälts d. 13 Jul. ...

Bietigheim d. 14 ...

Güglingen erh. den 16. ...

Brackenheim erh. 16. ...

Lauffen erhält 21. Jul. Abends 7 Uhr ...

Heilbronn erhälts d. 22. Jul. ...

Weinsberg erhälts d. 23. Abends,, schickts den 24. auf die Post nach Hall

Hall 26. erhalt, und d. 28. auf die Post geschickt

In Neuenstadt wurde der Empfang nicht notiert, denn dort verblieb das Schreiben. Zwar bekam man dort das Schreiben zuletzt, aber es mußte nicht unter Zeitdruck kopiert werden. Es ist anzunehmen, dass der Empfang auf kurzem Wege nach Stuttgart bestätigt wurde.

In gleicher Weise liefen die Schreiben der Dekane an ihre Ortspfarrer um. Dies dürfte das Vorbild für eine frühe Form der Lehrerfortbildung gewesen seinMAIER 1948, S.543.:

"Eine eigenartige Form des Gedankenaustausches suchte Pfarrer Keller in Marbach 1780 durch eine sogenannte Zirkularkorrespondenz zu verwirklichen. Die Schulmeister seiner Gegend fanden sich in einer Gesellschaft zusammen, deren Mitglieder alle zwei Monate einen Aufsatz zu liefern hatten. Die Aufsätze zirkulierten unter den Mitgliedern, und jedes fügte seine eigenen Gedanken an."

Pfarrer Keller wäre heute wohl ein begeisterter Teilnehmer im Internet. Im Zusammenhang mit den Schullehrerkonferenzen wurden solche Rundschreiben weiter eingesetzt. Ihre Existenz wird zwar öfter erwähnt, erhalten blieben aber nur wenige. Da es keine amtlichen Schreiben waren und sie auch nicht vorgeschrieben gewesen sind, wurden sie wohl weniger sorgfältig aufbewahrt. Ein anderer Teil blieb wohl buchstäblich auf der Strecke.

Das CircularbuchLKA, DA Münsingen, Nr. 13 Schulkonferenz Circularbuch, 1. Band 1828-1836. der Münsinger Schullehrerkonferenz blieb erhalten. Auf den ersten Seiten finden sich dort

Vorbemerkungen zum Conferenzhefte.

Leider sind diese mit einer "schnellen Feder" geschrieben und ziemlich schwer oder unsicher leserlich. Später wurde dies überarbeitet, deutlich geschrieben, aber ohne Datum und 1864 fast unverändert übernommen. Nun lautete der TitelLKA, DA Münsingen, Nr. 13 Schulkonferenz Circularbuch, 2. Band 1864-1889: Conferenzbuch für den östl. Sprengel der Diöcs. Münsingen angef. 1864.

Bestimmungen den Umlauf eines Conferenzheftes betreffend.

Die letzte Eintragung in diesem Buch ist von 1881, die Bestimmungen wurden bis dahin nicht wiederholt und es wurde auch keine Änderung dokumentiert. Nachfolgend werden die einzelnen Bestimmungen einander gegenübergestellt.

Gegenüberstellung der Bestimmungen für das Konferenzheft

1. Zweck desselben im Allgemeinen ist: die \ oder geistigen Verkehr unter den Mitgliedern der Conferenz durch Mittheilungen von Fragen, Wünschen, Ansichten und Meinungen über Gegenstände die mit dem Schullehrerberuf in nähern oder entferntern Beziehung stehen, zu \ und zu befördern und \ Conferenz einen \ Stoff für ruhen gegenseitige \ Conferenzlehrbibliothek nach gleichsam einen Sprechs\ l, worin Jeden Sinn seine Simme oder sein Urtheil über die Angelegenheiten und Interessen seines Berufes abgibt, darum möchte ich, daß auch diejenigen unsrer Conferenzmitglieder die altershalber von der Einsendung schriftlicher Aufsäze über aufgeworfene Fragen gesezlich dispensirt, sich an diesem durch das Conferenzheft zu fördernden Verkehr thätigen Antheil nehmen möchten. §1. Das Conferenzheft dient zum Eintrag von Fragen und Ansichten jeder Art, die mit dem Amte eines Schullehrers in näherer oder entfernterer Beziehung steht.
2. Jedem Schullehrer steht es frei, wenn das Conferenzheft zu ihm gelangt, etwas in dasselbe einzutragen oder nicht, doch hat er jedenfalls Ankunft und Abgang in dieselben zu bemerken. §2. Jedem Schullehrer steht es frei, wenn das Conferenzheft zu ihm gelangt, in dasselbe etwas einzutragen oder nicht. Doch hat er jedesmal Ankunft und Abgang desselben zu bemerken.
3. Alle Persönlichkeiten bleiben aus unsrem Conferenzhefte entfernt. Entgegengesezte Ansichten werden im anständigen Toon vorgetragen. §4. Alle Persönlichkeiten bleiben aus unserem Conferenzheft entfernt, insofern sie ein anderes Mitglied beleidigen und zu gegenseitigem persönlichem Zwist Anlaß geben könnten. Entgegengesetzte Ansichten und Mei werden in anständigem Ton vorgebracht, oder am besten auf die mündliche Besprechung bei der nächsten Conferenz erspart.
4. Will eben ein Mitglied vertrauliche Mittheilungen machen, so steht es ihm frei, dieselbe auf einem besonderen Blatte beizulegen, doch es bei der Conferenz auf Verlangen zurükfordern. §3. Will etwa einer der Schullehrer vertrauliche Mittheilungen machen, so steht es ihn frei, dieselbe auf einem besonderen Blatt Papier beizulegen, das er bei der Conferenz auf Verlangen zurück erhält.
5. Das Conferenzheft wird bei jeder Conferenz vorgelegt und die bei den leztmaligen Circulatien dort eingetragenen Anfragen und Ansichten gemeinschaftlich besprochen. §5. Das Conferenzheft wird bei jeder Conferenz vorgelegt und die bei der letztmaligen Circulation darin eingetragenen Fragen und Ansichten gemeinschaftlich besprochen.
  §6. In jedem Vierteljahr vor einer Conferenz zur andern circulirt das Conferenzheft unter allen Schullehrern des Districts Einmal.
6. Jedes Mitglied behält das Conferenzheft 3-4 Tage in Händen. Jedoch wird von denjenigen Mitgliedern welche nur Ankunft und Abgang bemerken, eine schnellere Beförderung erwartet. Die leztere ist auf jeden Fall so einzuleiten, daß diese Conferenzmitglieder, welche das Heft zulezt erhalten, dasselbe wenigstens 14. Tage vor Abhaltung zur Conferenz dem Conferenzdirektor zustellen können, von dem sodann die Einträge durchgesehen, und bei der Conferenz zur Sprache gebracht werden. §7. Jedes Mitglied behält dasselbe in der Regel längstens 8. Tage. Jedoch wird von denjenigen Mitgliedern, die nur Ankunft und Abgang darin eintragen, schnellere Beförderung erwartet. Die Beförderung ist immerhin so einzuleiten, daß diejenige Mitglieder, welche das Heft zuletzt erhalten, dasselbe wenigstens 14. Tage vor Abhaltung einer Conferenz dem ConferenzDirektor zustellen können, von welchem die Einträge durchgesehen und das Conferenzheft zur Conferenz mitgebracht wird.
7. Das Papier des Heftes wird immer gebrochen. Auf der rechten Seite werden die Fragen, Wünsche, Ansichten und Meinungen eingetragen, auf der linken die allenfallsigen Bemerkungen des Conferenzdirectors oder auch eines Mitglieds der Conferenzgesellschaft, denn jedem Mitglied steht es frei, die Frage, die von einem andern aufgeworfen wird auf zu nehmen und zu beantworten oder eine aufgestellte Meinung zu beurtheilen. §8. Das Papier des Heftes wird immer gebrochen. Auf die erste Seite werden die Fragen und Ansichten eingetragen; auf die linke Seite das Resultat das bei der Conferenz darüber Gesprochenen. Ankunft und Abgang werden über beide False quer eingetragen.#
8. Jedes Mitglied hat seinem Eintrag seinen Namen unterzusezen. §9. Jeder Eintrag muß mit dem Namen des Eintragenden unterzeichnet seyn.
9. Vorstehende Bemerkungen über die Circulation des vorliegenden Conferenzheftes sollen in ... wie die Circulation selbst als erste Versuche angesehen werden, wobei man sich Abänderungen vorbehält, die den Conferenzmitgliedern selbst als wünschenswert \  §10.Vorstehende Bestimmungen über den Umlauf des Conferenzheftes sollen vorläufig als bloser Versuch angesehen werden, wobei man sich Abänderungen, welche nach späteren Erfahrungen als wünschenswert erscheinen würden vorbehält.

Die Durchlaufzeiten sind aus nachfolgendem Eintrag zu erkennen.

Prov. Stungus erhalten d. 5ten Juni befördert nach Mundingen den 9ten

Mundingen erhielts am 11.ten Juni: 1828. und befördert den 14tn. d. M.

Schulmeister Breymeyer

Buttenhausen, Schull. Griesinger befördert d. 13 Okt: 1830.

Buttenhausen, Schull. Läyretz befördert d. 16 Octob. 1830.

Hundersingen, befördert SchulAmtsverweser H\ d. 23. Okt: 1830

Apfelstetten, B\ gel, SchulAmtsverweser befördert 28. ...

Münsingen Strobel und Roller befördert d. 31. Okt. Mtgs.

Mehrstetten erhälts d. 3ten 9br und beförderts d. 6ten zurück nach Münsingen

Informationen für die Nachwelt ergeben sich, wie so oft, nicht bei geregeltem Geschäftsgang, sondern aus UnstimmigkeitenLKA, DA Münsingen, Nr. 12 Schulkonferenz Protokollbuch, S. 36..
Am 27. Jan. 1836
. . .

Auch das Conferenzheft gab noch Veranlaßung zu einigen Besprechungen über Leseunterricht und über die Verwendung von geübtern Schülern zu Unterlehrern. Director sah sich genöthigt, dem Schulmeister Schimpelen, der sich im Conferenzheft Persönlichkeiten erlaubt, wodurch andre Conf. Mitglieder beleidigt werden mußten, einen Verweis zu ertheilen und den Schulmeister Sippel darauf aufmerksam zu machen, daß pomologische Wünsche und Vorschläge anderswo als in einem Conferenzheft ausgesprochen werden können. Zum Schluße bemerkte der Director noch, daß das Unterstreichen fehlerhafter oder auffallender Stellen in diesem Heft, nicht jedem einzelnen Mitglied, sondern nur dem Conf. Direktor zusteht. Es war dieß die erste von mir gehaltene Conferenz, bei welcher sämtliche Mitglieder anwesend waren. Von Geistlichen war zugegen Pfarrer Camerer von Dapfen und Pfarrer Dieterich von Böttingen.

Das Konferenzheft ging nicht nur an die Konferenzteilnehmer, sondern auch an solche Lehrer, welche wegen hohen Alters oder fehlender Gesundheit von der Konferenzteilnahme dauerhaft oder zeitweise befreit waren.  

Das Münsinger Konferenzheft


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