2.4. Schullehrerkonferenzen

2.4.1. Vorlauf

Nach den Lehrkursen wurden in der General-Verordnung von 1810RegBl. 1811, S. 4. die Schullehrerkonferenzen geregelt.

§. 21. b) Die längst befohlenen Schullehrer=Conferenzen werden hiemit aufs neue allgemein angeordnet. Sie sind jährlich 4mal, nach dem vom K. Ob. Consistorium entworfenen Plan und zwar in größeren Diöcesen so zu halten, daß die Schullehrer sich in 2 bis 3 kleineren Gesellschaften, bei demjenigen Pfarrer, der in Rücksicht auf Kenntnisse und Lage des Orts am besten dazu geeignet ist, versammeln. Eine billige Vergütung der Auslagen erhalten die Schulmeister und Provisoren (denn nur diese, nicht die Incipienten haben dabei zu erscheinen) aus den piis corporibus nach dem in mehreren Diöcesen bereits bestehenden Masstabe.

Das Problem der Wegstrecken wurde bereits oben bei den Lehrkursen aufgezeigt, war 1810 nach dem Text vorstehender Verordnung bereits erkannt und wurde auch schon in herzoglichen Zeiten überdacht. Im General=Synodal=Rescript vom 1. Febr. 1798REUCHLIN 1809, S. 81. wurde eine Idee aufgegriffen.

Endlich und

9) glauben Wir, daß es für das Schulwesen sehr vorteilhaft wäre, wenn, was ein für Schulen rühmlichst besorgter Pfarrer bereits für sich gethan hat, in jeder Diöces nach deren Größe, eine oder mehrere Schulmeister=Conferenzen veranstaltet werden könnten, bey welchen sie sich über Verbesserung des Schulwesens mit einander unter der Direction eines Pfarrers zu besprechen, erprobte Vortheile in der Lehrmethode und Schulzucht, wie überhaupt gemachte pädagogische Erfahrungen sich mittheilen, und einer den andern liebreich zu belehren hätte. Da nun alles auf die Art und Weise ankommt, wie solches auszuführen wäre, Wir aber durchaus nicht wollen, daß den Schulmeistern dadurch Kosten verursacht, oder gar Schmausereyen und Gelage veranlaßt werden; so verordnen Wir hiemit, daß vorderist die Herzogl. Decani unter Communication mit den Pfarrern und Schulmeistern ihrer Diöces noch vor Michaelis dieses Jahrs an Unser Herzogl. Consistorium reifliche Vorschläge machen sollen, ob und wie solche Schulmeister= Conferenzen in ihren Diöcesen einzuführen wären.

Der Hinweis auf mögliche "Schmausereyen und Gelage" ist ärgerlich, da man in Ansehung der Lehrereinkommen fragen muß: "Womit denn?" Von den bereits stattgefundenen wenigen Schullehrerkonferenzen sind keine Gelage bekannt. Wohl aber gab es Zusammenkünfte der PfarrerGen.-Rescript vom 23. Dec. 1773, in: HARTMANN 1794, S. 253.:
Betreffend hingegen

6) die seit einiger Zeit her in zerschiedenen Gegenden des Landes von unterschiedlichen Ministreis Ecclesiä, unter dem nicht eben allzubescheidenen Namen von Conferenzien gehalten werdende Zusammenkünfte, so wird gerne zugegeben, daß wenn einige oder mehrere nahe benachbarte Pastores, sonderheitlich von einer nemlichen Diöces in guten und redlichen Absichten ohne Affektation und Liebe zu Zerstreuungen, vornehmlich aber, ohne die mindeste Versäumniß in ihren Ämtern zusammenkommen, um über ihre Amtsführung, und die ihnen etwan darinn vorkommende besondere und zweifelhafte Fälle mit der aller nöthigen, auch dabei nicht ausser Augen zusezenden Vorsicht mit einander zu besprechen, und von einander freundschaftliche Belehrung zu erhalten, als auch vornehmlich in Rücksicht auf die Erbauung ihrer Gemeinden sich in den theologischen Wissenschaften noch immer mehrers mit einander zu üben und zu begründen, ein solches seine Nuzen habe, und wohl möge gestattet werden; weßwegen die Pastores allschon durch den General=Synodal=Receß, vom 30. Okt. 1758. und dessen Numerum 3. angewiesen worden, zu Erbauung und Aufrichtung ihrer Gemeinde untereinander Collegialität zu halten.

An der besagten StelleHARTMANN 1798, S. 387. geht es um Pfarrer, welche
sich öffters mehrere Tage von ihren Gemeinden absentieren, ja wol auch unter sich Spiel, Trunk und andere unanständige Gesellschaft haben, . . .
Auch noch 1773 sieht man mehr Gefahren als Nutzen, wegen der Gesprächsinhalte,
über allerhand Dinge, die ihnen gar nicht zukommen, Prüfungen und Criterien anstellen, sich über dasjenige, was die Geseze, die Ordnung, ihre Vorgesezte und Obere sagen, in so ferne sie solches der Ausführung ihres in Eigenwillen gemachten Plans zuwider finden, ohne Bedenken freventlich hinaussezen, und sich miteinander zu gewissen Gegenverfassungen und Anstalten verbinden; . . .

Bei den folgenden Anweisungen an die Vorgesetzten will man selbst das Wort nicht dulden und benennt es lieber

collegiatische Zusammenkünfte und Unterredungen, (denn Conferenzien wissen wir sie nicht zu nennen) . . .

Das lateinische Wort conferre kann mit zusammenbringen oder vereinigen übersetzt werden. Damit wird aber der Schwerpunkt leicht auf das Zusammenkommen von Personen gelegt, was insofern nicht gänzlich trifft, weil es vielerlei andere Zusammenkünfte gibt, die man keineswegs mit Konferenz bezeichnen würde. Übersetzt man mit zusammentragen, so wird klarer, dass es nicht nur um die Teilnehmer geht, sondern wesentlich auch um deren Wissen, Erfahrung und Meinung sowie ihre Einflussmöglichkeiten. Die Meinungsunterschiede sollten nach der Konferenz kleiner sein, können aber im Prinzip nicht völlig verschwinden, da die gegenseitige Annäherung unterschiedliche Lernprozesse erfordern, also wenigstens diese unterschiedliche Erfahrung bleibt. Beide Momente sind wesentlich, denn Wissen, Erfahrung und Meinung allein, ist auch über Bote, Brief oder Buch zu befördern.  

Israel Hartmann (1725-1806)

2.4.2. Die Schulkonferenzen des Waisenhausschulmeisters Israel Hartmann

Sich der Gemeinsamkeiten der Konferenzteilnehmer zu vergewissern, dürfte ein wesentlicher Grund für die erste Schulkonferenz im Ludwigsburger Arbeitshaus am "Osterdienstag 17. April 1759" gewesen sein. Die räumliche und teilweise auch organisatorische Zusammenlegung von Zuchthaus und Waisenhaus war in dieser Zeit kein Zufall, sondern hatte System: Lernen am bösen Beispiel. Dies sagt aber nichts aus über die Methoden des dort angestellten Waisenhausschulmeisters Israel Hartmann. Vielmehr hatte er Kollegen eingeladen, um die Situation der Kinder und die eigene zu verbessern. Hartmann führte Protokoll, zuerst notierte er die Anwesenden:

Dieses erstemal kamen zu mir:
Herr Daniel Mühler,
    Schulmeister in Oberriexingen.

Herr Johann Friedrich Mayerlen,
    Schulmeister in Schwieberdingen.

Herr Johann Georg Hahl,
    Schulmeister in Mönchingen.

Herr Johann Lorenz Eidenbenz,
    Schulmeister in Schorndorf.

Herr Johannes Eidenbenz,
    Prov. bey mir.

Dann schilderte er den Inhalt einer Ansprache, was uns heute eher als Andacht erscheint.
In der Liebe Gottes und Christi ist die Anlage zur ganzen Tüchtigwerdung eines jeden Christen und eines jeden Lehrers.
Weiter geht es zu berufspraktischen Problemen: Lehrbücher, Lehrpläne und –methoden. Die Konferenzorte wechseln: Ludwigsburg, Münchingen, Leonberg, Schwieberdingen und wieder Ludwigsburg. Die ersten fünf Konferenzen finden im Jahr 1759 statt, eine weitere 1760, eine letzte 1764. 

Bei den Teilnehmern ist Wechsel und Beharrlichkeit gleichermaßen zu beobachten. Das, aus heutiger Sicht beurteilt, damalige Übermaß von Beschäftigung mit Bibel, Gesangbuch, Katechismus und Kinderlehre in der Schule, dürfte Israel Hartmann kein Problem gewesen sein. "Der Waisenvater August Hermann Francke stand ihm bei seiner Arbeit als Vorbild vor der Seele; dessen Gründungen in Halle konnten ihn bis zum stillen Neid begeistern." Dieser klare Bezug auf eine Person, auf bestimmte Ansichten und Absichten ist für die späteren Schullehrerkonferenzen nicht mehr gegeben. Weitestgehend ist dieser Bezug auf Francke durchaus gut zu heißen. Gewisse Aspekte von Franckes Erziehungslehre stimmen aber bedenklich.
 
August Hermann Francke (1663-1727)

2.4.3. Pietistische Einflüsse

Es ist dies einerseits "die pessimistische Tönung, die die reformatorische Lehre vom Menschen dem pädagogischen Denken und der Erziehung seit Luther und Calvin verliehen hat, und begegnen wieder sehr stark in der Pädagogik des Pietismus, speziell bei Francke."MÄRZ 1998, S. 304. Wenn das Böse im Menschen vorausgesetzt wird, so hätte heutzutage die Schulverwaltung zur Bewältigung aktueller Probleme Rottenburg oder Rom um einige Dutzend begabter und erfahrener Exorzisten bitten müssen, statt dessen haben "im September 1999 … die vier Oberschulämter im Land sieben Psychologiedirektor/inn/en-Stellen ausgeschrieben, die bis zum 1. Mai 2000 besetzt werden sollen."DÖRR 2000, S. 21. Unterschiedliche Kulturen haben jeweils Wertesysteme entwickelt, so dass die Mitglieder dieser Kulturkreise jeweils eine Vorstellung von positiven und negativen Werten haben oder haben sollten. Diese Anforderung formuliert der Prophet MichaMICHA 6,8: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."

Probleme gab es mit solchen Wertesystemen wohl schon immer. Einerseits wenn zwei Systeme aneinandergerieten, andererseits auch durchaus innerhalb eines Systems. Erst im 20. Jahrhundert gelangen Einsichten und Beweise, dass der Konstruktion formaler Systeme prinzipiell Grenzen in Sachen Vollständigkeit und WiderspruchsfreiheitBRUHN 1976, S. 26. gesetzt sind und dass diese sich teilweise gegenseitig ausschließen. Man kann den Propheten Micha in seinem Nachsatz "und demütig sein vor deinem Gott" auch so deuten, dass er dieses Problem im Prinzip bereits sah.

Wer das Böse und das Gute definiert oder sich solche Definitionen zu eigen macht, wer Bildung und Erziehung als Notwendigkeit sieht, um Menschen von dem Bösen zu befreien und sie zum Guten zu führen, wer dies als von Gott gegebene Aufgabe versteht, wird leicht zum Inquisitor im eigenen Haus oder in der Schulstube. Wer Lehrer beaufsichtigt oder bildet und nach gleichem Muster verfährt, wird leicht zum Großinquisitor: Der Kampf gegen das vermeintlich Böse produziert dabei aber lediglich weitere Bösartigkeiten.  
Beispiele für Lancaster Strafen

Wie weit "Radikalpietismus" getrieben wurde, zeigt eine von Annedore Bauer beschriebene, in Waisenheimen zu Carl August Zellers Zeiten praktizierte Methode, womit man die kleinen Buben von der "Selbstfleckung" abhalten wollte. Man zog ihnen einen Ring durch die Vorhaut, so dass Manipulationen nur stark eingeschränkt und nicht schmerzfrei möglich waren. Die nachfolgenden Infektionen wurden gegenüber der Einhaltung göttlicher Gebote als unwesentlich angesehen. Diesen Standpunkt könnte man leichter verstehen, wenn 1. Mose 38, 9 so formuliert wäre, dass die Bezeichnung "Onanie" eindeutig und sachlich richtig mit Onans dort beschriebenem Verhalten in Verbindung gebracht wird. Es ist aber eher zu vermuten, dass der Urheber dieses Begriffs seinerzeit mehr Erfahrung mit Selbstbefriedigung hatte als mit Verhütungspraktiken. Strafwürdig war Onans Verhalten nach jüdischem Verständnis allein, weil er seiner Schwägerin nicht zu einem Kinde verhalf, nachdem sein Bruder durch seinen Tod dieses nicht mehr leisten konnte. Ein erzieherischer Zusammenhang mit den kleinen Buben ist nur insofern konstruierbar, als dass man frühe Verhaltensprägungen verhindern will.

»Mißtrauen gegen die Welt« führt die Reformatoren "zu einer pädagogistischen Tendenz. Auch Francke kann sich nicht genug tun, was die Überwachung der Kinder und Jugendlichen, ihre fortwährende Beschäftigung und insgesamt die strenge, asketische Zucht anlangt."MÄRZ 1998, S. 304. Es taucht die Frage auf, ob sich diese Methoden auf Kinder und Jugendliche beschränkten oder auch für seine Lehrerkonferenzen galten. Wenn seine großen Gegner "ihn gehässig einen Jesuitengeneral"MÄRZ 1998, S. 303. nannten, so wohl kaum wegen deren anerkannter Verdienste um die Erziehungslehre. Die Frage ist nicht auf Francke zu beschränken, schließlich ist die württembergische Schulordnung von 1729 (erschienen 1730) "von August Hermann Francke inspiriert"DIETZ 1984, S. 149. und die Schulordnung von 1782 ist dazu nahezu textgleich. Wesentlichster Unterschied ist der in der Ordnung genannte Preis der zu erwerbenden gedruckten Ausgabe: er stieg von 8 auf 12 Kreuzer.
 

2.4.4. Schulmeisterkonferenzen im Herzogtum Württemberg

Leider wird im General=Synodal=Rescript vom 1. Febr. 1798REUCHLIN 1809, S. 81. nicht namentlich benannt, welcher "für Schulen rühmlichst besorgter Pfarrer" eine Schullehrerkonferenz bereits durchgeführt hat. Israel Hartmann lebte wohl noch, war aber kein Pfarrer und seine Konferenzen möglicherweise bereits vergessen. "Am 27. Mai 1803 wurde ihm durch ein herzogliches Dekret das Halten von Erbauungsstunden verboten", so dass er sich wohl auch in den Jahren zuvor bereits unbeliebt gemacht hatte und so nicht als Vorbild dienen konnte. Auch mußte ein Beispiel benannt werden, das man der Nachahmung empfehlen konnte, was der Nichtpfarrer Hartmann eben nicht leistete.

Bei Maier finden sich Hinweise auf frühe SchullehrerkonferenzenMAIER 1948, S. 534. Seine Informationen stammen wohl aus Beiträgen zum Landschullehrer (Herbrechtingen  1798; Ebingen  1799; Heimsheim 1800; Herbrech-tingen 1802.):

"1798 versammelten sich bei Pfarrer Moser Lehrer in Herbrechtingen, im gleichen Jahr in Tübingen, 1799 in Heimsheim und Ebingen. In Steinheim kamen sie zweimal im Jahr zusammen, und der Schulinspektor Riecke in Stuttgart hielt gar alle 14 Tage eine Konferenz."

Da das Rescript vom 1. Februar ist, der Januar für Tagungen weniger geeignet ist, die Information kaum so schnell bei der Synode anlangt und eine Wertung weitere Zeit braucht, so müsste es sich um eine ältere Veranstaltung handeln. Dies bestätigt die Veröffentlichung "Schullehrerkonferenz zu Herbrechtingen im Wirtembergischen", welche Ende 1798 im "Landschullehrer" erschien. In der ersten Ausgabe dieses Jahres findet man einen Artikel zum gleichen Thema "Lesegesellschaft und Konferenz für Schulmeister, errichtet von dem Herausgeber M. Wittich, Pfarrer zu Hundersingen im Wirtembergischen". Davon schreibt Walter DietzDIETZ 1984, S. 162.:

"Wittich war es auch, der die Lehrer seines Dorfes, aber auch des ganzen Lautertals und aus weiteren Orten des Oberamts Münsingen, an freien Nachmittagen zur »Hundersinger Lehrerkonferenz« in sein Pfarrhaus einlud. Diese Zusammenkünfte dienten weniger der systematischen Erarbeitung theoretischen Wissens, vielmehr boten sie ein Forum, auch ganz persönliche Schulprobleme zu besprechen. Die Themen, die in Hundersingen »dran« waren, waren sehr vielfältig; man fragte »Wann gehen Kinder mit Freude zur Schule?«, »Wie werden wir entehrende Dienstpflichten los?«, »Wie sind Weltgegebenheiten in den Unterricht einzubeziehen?« oder »Wie geht man gegen moralisches Unkraut vor?«"

Dem Aufruf, Vorschläge einzureichen, wurde in Leonberg gefolgt, indem eine UmfrageLKA, DA Leonberg, Nr. 53 SchullehrerKonferenz 1798-1818. stattfand.

Leonberg, d. 7ten May 1798.
  Euren HochEhrwürden

wird erinnerlich seyn, daß ich bei Bekanntmachung des heurigen Generalsynodalrescripts mir vorbehalten habe, wegen der Nr. 9. vorgeschlagenen und zu veranstaltenden Schulmeisterkonferenzen ein besonders Ausschreiben mit einem Gutachten an Sie zu erlaßen.

So wird die befohlene Kommunikation befolgt, wodurch nun auch die mit den Schullehrern durch die Herrn Pfarrer befolgt werden kann. Und weil erst biß Michaelis dieses Jahres die Vorschläge zur Einführung der Schulmeisterkonferenzen an das Herzogliche Konsistorium eingeschikt werden sollen; so bleibt zur Überlegung der Sache hinlänglich Zeit.

Dekan Sigwarts Vorschlag mit drei Konferenzorten

Dekan Sigwart schlägt drei Konferenzorte vor, schließlich erstreckt sich seine Diöcese etwa über 24 km in Ost-West-Richtung, dazu die Zuordnung der einzelnen Schulorte zu den drei Konferenzorten. Das Argument "Gelage und Schmausereien" nimmt er auf und schlägt eine Beschränkung auf Nachmittage vor. Bei der Anzahl der Konferenzen legt er sich nicht fest, sie sollten aber "zuverlässig des Jahrs einmal, wozu die Frühlingszeit die geschikteste seyn würde, ehe die Feldgeschäfte ihren Anfang nehmen, wenigstens gehalten werden." Auch sollten Berichte geschrieben werden, bei Pfarrern und Lehrern umlaufen und schließlich zum Dekanat gelangen. Solche "Circularschreiben" waren üblich, um aufwendiges Kopieren zu vermeiden, sowohl zwischen Dekanaten und Pfarrämtern als auch zwischen dem Konsistorium und den Dekanaten.

Bei dem Umlauf waren die Schulmeister jeweils der Meinung ihrer Pfarrer und diese hatten unterschiedlich viel Meinung dazu. Auffallend ist dabei, dass die Anzahl der jährlichen Konferenzen mehr angesprochen wird, als die zu behandelnden Themen, was wohl in einem Zusammenhang steht. Der Warmbronner Pfarrer würde gerne die Direktion zusammen mit seinem Freund und Kollegen Pfarrer Paret übernehmen, der von den später veranstalteten Lehrkursen bereits bekannt ist, während Paret sich fragt, ob es "ohne alle pfarramtliche Direktion" nicht besser ginge. Der Heimsheimer Pfarrer steht hier dazwischen:

Pfarrer wird als Schul- und Schul-LehrerFreund sich jedesmal ein Vergnügen daraus machen, diesen Conferenzen beizuwohnen, ohne sich eine besondere Directors-Mine zu geben.

Der Wechsel der Konferenzorte wurde oftmals gewünscht, hätte aber die Wege verlängert, wie man aus obiger Wegeskizze leicht ersieht.
 
 

2.4.5. Schulmeister Ziegler lädt zur Konferenz

Im Frühjahr 1810 wird nach Leonberg auf den Nachmittag zu einer Konferenz eingeladen. Auf Weisung des Dekans schreibt der Heimsheimer Schulmeister Ziegler die Einladung.

. . . Aber seit einigen Jahren haben die neuere Erziehungs- und Lehr-Methoden, besonders aber Pestalozzi p. in dem Schul- und Erziehungs Fach eine solche Gährung veranlaßt, daß es wohl der Mühe werth seyn wird, wenn Männer, die im Schul- und Erziehungs-Wesen Übung und Erfahrung haben, sich mit einander darüber besprochen, diese und jene Methode nach Erfahrungs=Grundsäzen prüfen, das Gute, Brauchbare und Nüzliche von jeder ausheben, das Unbrauchbare und Unanwendbare, es mag alt oder neu seyn, absondern p, — dann das Resultat ihrer Prüfungen und Untersuchungen einander freundschaftl: mittheilen, und so Nuzen daraus zu ziehen suchen

.Auch Dekan Sarwey gibt eine kurze Bemerkung dazu:

Ich kann zu der humanen und mit hinlängl. Motifen aufgesezten Einladung eines würdigen Veteranen unter den Herren Schullehrern nicht mehr beisezen, als daß ich vollkommen mit seinem Wunsch übereinstimme, von der Nuzbarkeit einer solchen Zusammenkunft, welche schon ehemals hier in Gang war, auch in den andern Dioecesen da und dort gehalten wird, und von der Zwekmäßigkeit derselben in der AmtsStadt überzeugt bin, daß ich den ohne Zweifel auch bey höheren Behörden den Herrn Schul-Lehrern in der Dioecese, wie ich hoffe, auch durch Ihr Betragen dabey zur Ehre gereichenden Verhandlung, wo möglich selbst beiwohnen werde. Ich empfehle daher den Vorschlag nicht nur den Herren Pfarrern als meinen Herren Collegen, bei welchem um die Erlaubniß darzu anzusuchen ist, sondern auch den Herren Schullehrern aufs angelegenste mit der Bitte, den Empfang zu bezeugen, und mit der Versicherung meiner Achtung, in welcher ich bin Leonberg d. 26t Apr. 1810.M. Sarwey Special-Superint.

Man kann daraus ersehen, dass die Nummer 9 des Generalsynodalrescripts von 1798 nicht ohne Wirkung blieb, aber kaum durchschlagend. Diese Konferenz wurde aber ein Dreivierteljahr vor Veröffentlichung der Generalverordnung geplant.  

2.4.6. Die Einführung der Konferenzen als Pflichtveranstaltungen

Zur Durchführung der Schullehrerkonferenzen wurde ein spezielles Decret erlassen, welches einen Monat nach der General-Verordnung im Regierungsblatt erschienRegBl. 1811, S. 67f..
Decret zur allgemeinen Einführung der Schullehrerkonferenzen

Die Unterstreichungen stammen wahrscheinlich von Pfarrer Seubert, da nach 1822, also nach seiner Versetzung nach Stuttgart, diese Art von Unterstreichungen nicht mehr im Freudentaler Bestand der Regierungsblätter auftritt.

Der unter 1) verwendete Begriff "wechselseitig mittheilen" sollte nicht nur in seinem allgemeinen Wortsinn verstanden werden. 1808 waren zwei Übersetzungen erschienenhttp://www.wlb-stuttgart.de:

Joseph Lancaster: Ein einziger Schulmeister unter tausend Kindern in einer Schule: ein Beytrag zur Verbesserung der Lehrmethode und Schuldisciplin in niedern Volksschulen; aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von B. C. L. Natorp. Duisburg/Essen: Baedeker, 1808. - 289 S.; Original: Improvements in education.

Andrew Bell: Schulmethodus : ein Beytrag zur Verbesserung der Lehrmethode und Schuldisciplin in niedern Volksschulen. Aus dem Engl. übers. von F. W. Tilgenkamp. – Duisburg, Essen: Baedeker und Kürzel, 1808. - XII, 128 S.; Original: An analysis of the experiment of education made at Egmore. Ein Seitenstück zu Lancasters Schrift: Ein einziger Schulmeister unter tausend Kindern in einer Schule.

Darstellung des wechselseitigen Unterrichts

Wie wichtig deren Ideen damals genommen wurden, ergibt sich aus dem Buch Bilfingers mit einer Auswahl von Schullehrerkonferenz-VorträgenBilfinger 1830, S. 18..

Edle Männer wie Basedow, Rousseau, Rochow, Pestallozzi, Bell=Lancaster hatten die Bahn gebrochen und durch Schrift und That die Blößen des Volksschulwesens aufgedeckt, und auf dessen großen Einfluß auf das Gemeinwohl aufmerksam gemacht; man sah immer klarer ein, daß auch für Volksbildung von unten herauf, und nicht, wie bisher, von oben herab, gebaut werden müsse, wenn etwas Ersprießliches zu Stande kommen sollte.

Leicht könnte sich aus Bilfingers Text der Irrtum einstellen, dass "Bell=Lancaster" eine Person wäre. Sie waren auch keine Partner, sondern erbitterte Gegner. Zusammen mit ihren jeweiligen Anhängern beförderten sie durch diese Konkurrenz ihre Anliegen aber weit stärker voran, als dies durch eine Partnerschaft möglich gewesen wäre. Bell hatte den bereits im Altertum und im Mittelalter praktizierten Einsatz von älteren Schülern als Hilfslehrer weiter ausgebaut, indem er in seiner Heimschule zu Egmore bei Madras sämtliche Lehrer nach Auseinandersetzungen entließ und durch ältere Schüler ersetzte. Er lehnte sich dabei "an den alten Brauch in den indischen Schreib- und Leseschulen"PädLex 1913, Band 1, Spalte 409. an. Bilfinger überschrieb eines der sechzehn Kapitel in seinem Buch mit "VI. Die Bell=Lancaster'sche Schuleinrichtung." Beim wechselseitigen Unterricht in weitestgehender Form wird dieses Prinzip weiter auf alle Schüler angewendet, jeder unterrichtet und korrigiert einen anderen Schüler, wie dies obenstehende Tafel zeigt.

Damit erhält "wechselseitig" eine klarere Deutung, aber keine eindeutige. Vergleichbar zum "allgemeinen Priestertum" erhielt jeder Schüler auch eine begrenzte Lehrerfunktion und in der Lehrerfortbildung jeder Lehrer eine begrenzte Lehrerbildungsfunktion gegenüber den Kollegen. Dies nicht nur als Möglichkeit, sondern auch im Sinne von Verpflichtung. Der wechselseitige Unterricht unter Schülern war wohl nicht gänzlich erfolglos, im Prinzip aber unprofessionell. Verwendet man den gleichen Begriff für die Lehrerfortbildung, so ist dieser eher abwertende Aspekt mit dabei.

Als Berufsschüler war ich selbst als Hilfslehrer eingesetzt, da mein Lehrer Gerhard Weidenfeld oftmals die Krankheitsvertretung in einer Parallelklasse übernehmen musste. Da alle meine Klassenkameraden die Abschlussprüfung beim ersten Versuch bestanden und ich selbst als Schulbester, kann ich dieser Einrichtung einige positive Seiten abgewinnen und es war dies eine der Weichenstellungen für meine weitere Berufswahl. Im Unterschied zu obiger Abbildung war ich damals wohl noch nicht erwachsen, aber auch kein Kind mehr.
 

2.4.7. Der Plan für die Konferenzen

Für die Schullehrerkonferenzen gab es weitere Anweisungen und zwar alsLKA, Sprengelarchiv Ulm, Schulkonferenzprotokolle 1811-1826.

Plan
für die Schullehrer-Conferenzen
eingesandt vom Königlichen OberConsistorio in Stuttgart
den 29. 8brzu lesen im Sinne von "achtbr" oder genauer "octobr", also Oktober und nicht als August (8.). 1811.

Die Schul-Conferenzen, wenn sie zweckmäßig eingerichtet werden sollen, bestehen in

theoretischen Belehrungen und in
praktischen Uebungen.

A.) Theoretische Belehrungen

Sie können keinen Gegenstand der Pädagogik und Didaktik ausschließen. Nur müßen sie, um das Ziel, das erreicht werden soll, zumal bei der wenigen Zeit, die darauf verwendet werden kann, sich hauptsächlich auf den Wirkungskreis des Schullehrers beschränken.

1.) Allgemeine Übersicht dessen, was einem Schullehrer zu wissen nöthig ist,a) als Erzieher

b) als Lehrer

(c) als Gehülfe in der Kirche - als Cantor und Mesner)

/: dieser Gegenstand wird besonders für Incipienten und Provisoren, so wie für die Schullehrer deren Söhne dem Schulstande sich widmen wollen oder die Incipienten im Unterricht haben, auch zu ihrer eigenen Belehrung und zum Nachholen des noch nicht Erlernten nützlich seyn :/

2.) Die daraus hervorgehende Schilderung der Berufspflichten eines Schullehrers - Wichtigkeit seines Amtes in der oben angegebenen gedoppelten Beziehung.

3.) Anleitung zum Erlernen dessen, was unter Nr. 1 ihm als nöthiger Gegenstand des Wissens empfohlen worden ist,

Diese Anleitung besteht

a) in einer fortlaufenden Belehrung über die einzelnen Punkte, die der Lehrer als Erzieher zu beobachten hat — zweckmäßige Schuldisciplin.

b) in einer fortlaufenden Belehrung über die in der Schule zu tractierenden Unterrichts-Fächer

a) der Materie nach —
Umfang jedes einzelnen Unterrichts-Zweiges. Belehrung über seine Tendenz, seinen Einfluß in die Bildung des Menschen. Das Ziel, das der Lehrer bei jedem einzelnen Fache sich zu setzen hat; Die Grenzen jedes Unterrichts-Zweiges für die bedürfnisse dieser oder jener Schule.

b.) Zweckmäßige Vertheilung der Materien in die Stunden des Tages und der Woche — Lektionsplan

c.) Methodik.
Schilderung der Mängel der gewöhnlichen Schulmethode; Darstellung und Ausführliche Beschreibung der bessern neuern Methode jedes einzelnen Unterrichts-Gegenstandes; wobei besonders die Pestalozzische Methode bei den Fächern, worüber sie sich erstreckt, ihren Prinzipien, ihrer Verschiedenheit von den andern und ihrer BehandlungsArt nach bekannt gemacht würde.

c.) Lectürea.) Mittheilung der in den neuen pädagogischen Schriften gemachten interessanter Vorschläge nebst beurtheilung derselben und ihrer Anwendbarkeit.

b.) Bekanntmachung der wichtigsten für die Schullehrer zur Belehrung wie zur geschickten Führung ihres Amtes erschienenen Bücher.

c.) Anleitung wie sie mit Nutzen lesen sollten

d) Beantwortung der von Seiten der Geistlichen oder Schullehrern gemachten Anfragen über Gegenstände des Unterrichts oder der Schuldisciplin auch belehrendes Gespräch über die von ihnen mitgetheilten amtlichen Erfahrungen.

4.) Anleitung zu vereinten Erfüllen aller der Pflichten, die Sub Nr:2 geschildert werden, so wie zum klugen würdigen Betragen in den verschiedenen Verhältnissen des Schullehrers gegen den Geistlichen seines Orts; gegen die Eltern seiner Kinder; und gegen die übrige Gemeinde.

5.) Schilderung der verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen Schulen und der Beseitigung von hin und wieder sich ergebenden Hindernissen des Unterrichts.

a.) Stadtschulena.) Knaben-Schule
b.) Mädchen-Schuleb.) Dorfschulen

c.) zweckmäßige Eintheilung der Schüler in Classen.
 
 
 

B. Praktische Uebungen.

Diese bestehen

1. im Dociren nach der gelernten Methode mit herbeigerufenen Schulkindern.

2. im mündlichen Vortrag — Proben von richtigem geschmackvollem Vorlesen.

3. in schriftlicher Beantwortung von vorgelegten Fragen, die von einer Conferenz zur andern aufgegeben und 14. Tage vorher an den Director eingesandt werden müßen.

Diese Frage sollen vorzüglich practische Gegenstände umfassen, und den Zweck haben, durch die Antwort theils von jedem Schullehrer zu erfahren, wie er diesen Gegenstand behandelt habe, und welche Ansichten er davon besitze, um desto leichter seine Vorstellungen berichtigen zu können.4. im Examiniren über den Inhalt eines im Umlauf gesetzten pädagogischen Buches.Ferner ist die Verbindung einer Lesegesellschaft, die aber auf die wichtigsten pädagogischen und Schulschriften sich beschränken muß, sehr zweckmäßig, und wird sich durch die Beiträge von Geistlichen und Schullehrern gleich andern Instituten dieser Art leicht organisiren und unter obiger Beschränkung auch leicht erhalten: denn viele gute Bücher gibt es in diesem Fache nicht, und die wenigen gehaltvollen, die aber öfter gelesen werden sollten, machen dann der Ausgaben nicht viele.Die Schulmeister, Provisoren und Incipienten sind bestimmt anzuhalten, die vierteljährige Conferenz jedesmal zu besuchen, wenn nicht Krankheit oder Altersschwäche sie davon dispensirt.

Die Geistlichen, deren Schulmeister der Conferenz beiwohnen, sind ordentliche Mitglieder der Conferenz. Sie sollten mit den Directoren der Conferenz auch in Correspondenz tretten, und über die Bedürfnisse ihrer Schulen, so wie die Punkte, über welche sie selbst Anstand haben, mit ihnen zu communiciren.

Allein damit diese Conferenz einigen Nutzen habe, und nicht bald um des wenig interessanten, das dabei vorkommt, den Schullehrern gleichgültig wird: so wird dazu ein ganzer Tag ausgesetzt, und für diesen Tag Vakanz gegeben. Der Vormittag wird sodann zu den theoretischen Vorlesungen, und der Nachmittag zu den praktischen Uebungen bestimmt. Das Pium Corpus jedes Orts wird den Schulmeister eine kleine Vergütung für das Mittag-Essen geben und ein gemeinschaftlicher frugales Essen wird diese Unkosten erleichtern.

erhalten durch das Hochwürdige Decanat
den 10 9br: 1811.

abgeschrieben den 12. 9:

Dieser Plan fand sich in den Akten des Dekanats Biberach. Dort hatte der Prediger zu St. Maria Magdalena M. Johann Jakob Mayer bereits seit 1805 monatliche Konferenzen mit den drei Landschullehrern Johannes Angele in Attenweiler, Johann Georg Pfoest in Bergerhausen und

Johann Ludwig Zoller in Roehrwangen durchgeführt. "Am Schluße des Jahres 1808. starb der Schulmeister Angele in Attenweiler. Sein Nachfolger wurde sein Sohn: Christian, welcher im Frühjahr 1809. den Schuldienst erhielt."LKA, Sprengelarchiv Ulm, Schulkonferenzprotokolle 1811-1826. Als die Konferenzen allgemein angeordnet wurden, bekam Mayer "das Directorium" übertragen. Die geringe Zahl der Teilnehmer erklärt sich daraus, dass die Evangelischen hier nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung stellten.

2.4.8. Die Biberacher Protokolle

Während in den Protokollen anderer Konferenzbezirke die Lehrer oft in der Form "Schulmeister von …" und ohne Familiennamen bezeichnet sind, findet sich im Biberacher Protokollbuch eine Liste mit den Vor- und Familiennamen, Dienstbezeichnung, Geburts- und Ernennungsdatum sowie teilweise Sterbedatum mit Todesursache.

Die Protokolle haben jeweils einen Umfang von etwa 4 Seiten, sind in zwei Spalten und durch Nummerierung und Unterstreichungen gegliedert. Überschriften werden nur stellenweise verwendet. Die Protokolle wurden in Mayers Zeit als Konferenzdirektor jeweils von allen Teilnehmern unterschrieben. Die wechselnde Verwendung von zwei Spalten läßt kein eindeutiges System erkennen. Bemerkenswert ist die Vereinbarung vom 2. Oktober 1811LKA, Sprengelarchiv Ulm, Schulkonferenzprotokolle 1811-1826, S. 1.:

Vordersamst vereinigte sich die Gesellschaft dahin, daß die Vorschläge, Mittel, Grundsätze u. s. w. welche bei ihren Konferenzen vorgetragen, untersucht und allgemein für tauglich und ausführbar anerkannt werden, auch sodann wirklich benutzt und ausgeführt werden sollen, deßhalb bei jeder folgenden Konferenz darüber von jedem Mitglied Rechnung abgelegt werden müsse, in wiefern davon Gebrauch gemacht worden sey.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Der Wandel der Unterschriften

Vergleichbar klare Vereinbarungen oder Weisungen fanden sich in den anderen untersuchten Protokollbüchern nicht. Zumeist ist dort in den Texten der Abstand von Direktor und Lehrern eher zu spüren als bei Mayer. Möglicherweise war dies ein Entwicklungprozess, wie Auszüge aus den ersten drei Biberacher Protokollen zeigen: Anfangs mit vollem Titel und deutlich von den Lehrern abgesetzt. Dann nur mit "Prediger Mayer", wobei die Lehrer noch Abstand hielten. Schließlich sind alle Unterschriften in einer Flucht mit kleinem Abstand zwischen dem Prediger und den nachfolgenden Lehrern.  

2.4.9. Die Konferenzordnung als Verordnung im Regierungsblatt

Die erste protokollarisch dokumentierte "Evangelische Schullehrer=Conferenz" in Biberach fand am 2. Oktober 1811 statt. Da es dort zuvor ab 1805 "freiwillig monatliche Konferenzen"LKA, Sprengelarchiv Ulm, Schulkonferenzprotokolle 1811-1826, Vorspann. gegeben hatte und Bestimmungen dazu bereits im Februar 1811 im Regierungsblatt erschienen waren, könnte dies als etwas zögerlich erscheinen. In Bietigheim wurde das erste Zusammentreffen erst auf September 1812 angekündigtLKA, DA Besigheim, Rescriptenbuch., was eine der letzten Amtshandlungen des greisen Dekans Osiander war. Als er starb, kam das Dekanat nach Besigheim und Dekan wurde der dortige Stadtpfarrer Reuß. Im Sommer 1813 schickte dieser dann ein "Circulare" mit Themen für die von den Schullehrern zu bearbeitenden Aufsätzen durch seine Diöcese. In Leonberg fand im September 1811 schon die zweite Konferenz statt. Im Dekanat Neuenstadt wurde bereits 1810 konferiert; der dies durchführende Pfarrer Sigel war Teilnehmer des Zellerschen Lehrkurses in Heilbronn gewesen. Sein Eifer scheint aber nicht allen Schulmeistern gefallen zu haben: Nicht nur bei Seubert gab es Differenzen. Für zögerliche Dekane brauchte es derRegBl. 1816, S. 204f.  

Ausführungsbestimmungen für Konferenzen von 1816

Der Text spricht nicht dafür, dass die "wohlthätigen Zwecke der Schullehrer=Conferenzen" bei allen Beteiligten angekommen waren. Bereits im Oktober 1816 wurden die Namen der einzelnen Direktoren der Schullehrerkonferenzen im Regierungsblatt veröffentlichtRegBl. 1816, S. 312-315 und Nachtrag S. 388.:

In Gemäsheit der unterm 2. Jul. d. J. erlassenen allerhöchsten Verordnung, die Schullehrer Conferenzen betreffend (Königl. Staats= und Reg. Blatt Nr. 30.) werden hiemit die aufgestellten Directoren der Schullehrer=Conferenzen, nebst den Orten, an denen die Conferenz gehalten wird, öffentlich bekannt gemacht:

[siehe nachfolgende Zusammenstellung, die Ortsnamen sind "modern" geschrieben, die Amtsbezeichnungen in der damaligen Form]

Stuttgart, den 15. Okt. 1816. Kön. Ministerium der geistl. Angelegenheiten. Graf v. Zeppelin

Die Liste der Schulkonferenzdirektoren

Dekanat Schulkonferenzdirektor Dienstort Konferenzort
  Generalat Oehringen  
Blaufelden Pfarrer Bach Michelbach an der Heide  
Pfarrer Schellhorn Wallhausen  
Creglingen Pfarrer Lakkorn Freudenbach  
Gaildorf Pfarrer Klein Frikenhofen  
Pfarrer Mützel Eutendorf Gaildorf
Schwäbisch Hall Schul=Inspektor und Diakonus Gräter Schwäbisch Hall  
Ingelfingen Pfarrer Glok Künzelsau  
  Pfarrer Wölffing Forchtenberg  
Langenburg Pfarrer Oesterlin Steinkirchen Langenburg
  Pfarrer Knapp Schrozberg  
Neuenstadt Pfarrer Sigel Siglingen  
Öhringen Stadtpfarrer Dietsch Oehringen  
Weikersheim Decanus Pröhl Weikersheim  
  Pfarrer Burger alternierend mit

Pfarrer Schenk

Dörzbach

Hohbach

 
  Pfarrer Speier Eipersheim  
  Pfarrer Moser Münster  
  Pfarrer Bock Wachbach  
  Generalat Heilbronn  
Backnang Pfarrer Kausler Oberroth  
  Pfarrer Niethammer Oppenweiler  
Besigheim Pfarrer Steinbeis Ilsfeld Laufen
  Pfarrer Seubert Freudental Bietigheim
Brackenheim Stadtpfarrer Hirzel/
Diakonus Hochstetter
Güglingen
Güglingen
 
  Stadtpfarrer Haab Schwaigern Brackenheim
Heilbronn Schul=Inspector und dritter Stadtpfarrer Hofprediger Denzel Heilbronn  
Ludwigsburg Diaconus Binder/
Pfarrer Christmann
Heutingsheim
Heutingsheim
Ludwigsburg
Ludwigsburg
  Diaconus Reuchlin Markgröningen  
Marbach Diaconus Mörike Marbach  
  Pfarrer Fischer Affalterbach  
  Diaconus Sälzle Beilstein  
Weinsberg Diaconus Gundert Weinsberg Willspach
  Generalat Maulbronn  
Calw Diaconus Andler Calw  
  Pfarrer Seeger Altburg Calw
Dürrmenz Decan Stein Knittlingen  
  Pfarrer Zeller (Ober)Derdingen Knittlingen
Leonberg Diaconus Löffler Leonberg Heimsheim
  Pfarrer Lenz Heimerdingen  
Stuttgart Schul=Inspector Zoller Stuttgart  
  Pfarrer Bührer Echterdingen  
  Pfarrer Nonnenmacher Botnang  
  Pfarrer Dörner Scharnhausen  
Vaihingen Pfarrer Neuffer Horrheim Vaihingen
Wildbad Diaconus Laib Liebenzell  
  Pfarrer Zais Gräfenhausen  
  Generalat Urach  
Cannstatt Diaconus Jäger/
Pfarrer Schmid
Obertürkheim
Obertürkheim
Cannstatt
Cannstatt
Esslingen Pfarrer Römer Oberesslingen  
  Pfarrer Kies Deizisau Oberesslingen
Göppingen Pfarrer Rösch Faurndau  
  Pfarrer Lederer Gruibingen  
  Pfarrer Biberstein Holzheim  
Kirchheim Pfarrer Klett/
Pfarrer Rösler
Dettingen
Oberlenningen
Kirchheim
Kirchheim
Neuffen Decanus Mauchardt Neuffen  
Nürtingen Diaconus Plank Nürtingen  
Pfullingen Decan Kapf/
Diaconus Maier
Winterbach
Winterbach
 
Urach Pfarrer Sigel Gruorn  
  Pfarrer Fritz Gächingen  
  Pfarrer Tritschler Kohlstetten  
Waiblingen Diaconus Haas Waiblingen  
  Diaconus Mohr Winnenden  
  Generalat Tübingen  
Balingen Pfarrer Daniel Dürrwangen Balingen
  Diaconus Weis Ebingen  
  Diaconus Erhardt Rosenfeld  
Böblingen Diaconus Elsäßer Böblingen  
  Pfarrer Schölkopf Ehningen  
  Pfarrer Mieg Maichingen  
Freudenstadt Pfarrer Ries Glatten Freudenstadt
Herrenberg Diaconus Sarwey Herrenberg  
Reutlingen Vacatur    
Sulz Diaconus Binder Sulz  
  Pfarrer Andler Röthenberg Dornhau
Tübingen Pfarrer Riecke Lustnau  
  Pfarrer Bilfinger Weilheim  
Tuttlingen Präceptor Kentner Tuttlingen  
  Pfarrer Lang Trossingen Schura
Wildberg Stadtpfarrer Werner Altensteig/Nagold  
  Pfarrer Mohr Warth/Wildberg  
Generalat Ulm
Aalen Decan Göriz Aalen  
  Stadtpfarrer Buttersak Bopfingen  
  Pfarrer Schütz Lauterburg Heubach
Albeck Diaconus Dieterich Langenau  
  Pfarrer Stuckrad Luizhausen  
  Pfarrer Müller Öllingen Nehrenstetten
Biberach Prediger Mayer Biberach  
  Pfarrer Neubert Oberholzheim  
  Pfarrer Müller Unterbalzheim  
Blaubeuren Pfarrer Reuschlen Mehrstetten  
  Pfarrer Heinzeler Suppingen  
Crailsheim Pfarrer Brigel Roßfeld  
Geislingen Diaconus Honold Geislingen  
  Pfarrer Bauer Unterböhringen  
Heidenheim Stadtpfarrer Binder Giengen  
  Pfarrer Becher Bolheim  
Ulm Decan Stüber Ulm  

In den Folgejahren wurden die häufigen Umbesetzungen in den Regierungsblättern bekanntgemacht.  

2.4.10. Verbesserung des Kirchengesangs und Erweiterung des Teilnehmerkreises

Das General=Synodal=Rescript vom 29. Nov. 1823 bringt Weisungen, welche die Schullehrerkonferenzen wenigstens in Teilen auf Jahre beschäftigen sollte: das "oft zur Sprache gekommene Bedürfniß der Veredlung des Kirchengesangs."LKA, DA Besigheim, Rescriptenbuch, S. 122. Die Idee war einfach und faszinierend. Durch die neuen Unterrichtsmethoden war es möglich, den vierstimmigen Gesang in den Schulen erfolgreich einzuführen und durch weitere Übung in den Sonntagsschulen könnte dies für die Gottesdienste in wenigen Jahren zum allgemeinen Standard erhoben werden. Was möglich ist, muß aber noch lange nicht eintreten, denn manchem Lehrbuchautor oder –verleger waren marktschreierische Aktivitäten nicht fremd oder glaubten wirklich an ihre Methoden und auch intelligente Entscheidungsträger fielen darauf herein. Sicher haben damals, seither und heutzutage begabte und engagierte Lehrer mit Schülerchören beeindruckende Leistungen erbracht. Schulchöre bestehen aber aus gutem Grund nicht aus der Gesamtheit der Schüler. Selbst die moderne Gentechnologie ist keine Garantie dafür, dass vierstimmiger Gesang zum allgemeinen Standard wird. Ärgerlich an diesem Vorhaben war die den Lehrern zugedachte Rolle. Man gab ihnen die Kinder und die "geeigneten" Lehrbücher - Material und Werkzeug -, sollte es nicht gelingen, so lag es wohl eindeutig an der Unfähigkeit dieser Lehrer. Es ginge wohl zu weit, wenn man den Initiatoren des vierstimmigen Kirchengesangs unterstellen würde, sie hätten gezielt den Lehrern ihre Unfähigkeit vorführen wollen. Bei aller Liebe zur Musik habe ich aber Probleme mit der Einsicht, dass vierstimmiger Gesang für alle einer der wesentlichsten Notwendigkeiten jener Zeit war.

Wesentlich besser war die Idee, die "israelitischen Schullehrer und Schulamtsgehilfen"RegBl. 1829, S. 317. zu den Schullehrerkonferenzen beizuziehen. Der Freudentaler israelitische Schullehrer Baruch Alexander ElsässerBARUCH ist der Taufname, Alexander ist der Vatersname und ELSÄSSER der durch die Gesetzgebung von 1828 not-wendige neue Familienname. Siehe dazu NEBEL 1989, S. 51f. taucht im Juni 1830 erstmals in den Besigheimer Schullehrerkonferenzprotokollen auf. Allerdings erst einmal als abwesend. Er war bereits 51 Jahre alt und nicht mehr gesund. Der Buttenhausener israelitische Schullehrer Löwenthal wird im Münsinger Protokoll vom 28. Sept. 1831 "wiederum" wegen besonderer Leistungen genannt. Dies wiederholt sich. Im November 1832 taucht in den Besigheimer Protokollen Seligmann Levi auf, ein Freudentaler Jude, der zuvor am Esslinger Schullehrerseminar ausgebildet worden warBEZ 1996, S. 177..

Das Judentum hatte sich nicht jene "christliche" Verschwendung erlaubt, dass es seine Hochbegabten als Wissenschaftler und Priester von der Fortpflanzung ausschloss oder diese wenigstens erschwerte. Ob sich damit der "genetische Gesamtwert" der Bevölkerung christlicher Länder merklich verschlechtert hat, ist schwer zu entscheiden, aber zu befürchten. Leichter nachweisbar dagegen wäre, dass der jüdische Gelehrte ein anderes Ansehen hatte. Man könnte ermitteln, wieviel wohlhabende Kaufleute ihre Töchter mit einem mittellosen Gelehrten verheirateten. Damit einher geht auch ein anderer Umgang mit Wissen. "Zustände wie in einer Judenschule" wird wohl oft abschätzig als "unordentlich, undiszipliniert" verwendet, ist es nach seinem Herkommen aber nicht. Vielmehr drückt sich darin das Befremden von Christen aus, wenn sie der recht lebhaften Gespräche in der Synagoge gewahr werden. Rede und Gegenrede in einem christlichen Gottesdienst: Wer hat dies schon erlebt? Wer Christen und Juden in eine gemeinsame Konferenz befahl, mußte mit Unruhe rechnen

2.4.11. Der Ablauf einer Schullehrerkonferenz

Die Form der zu fertigenden Protokolle war nicht vorgeschrieben, sie wurden deshalb uneinheitlich angefertigt. In der Diöcese Bietigheim stehen die ersten Notizen zu den Konferenzen im Rescriptenbuch, nach dem Umzug nach Besigheim wurde seit 1816 ein eigenes Protokollbuch geführt. Diese Uneinheitlichkeit erschwert den Vergleich, liefert aber in der Zusammenschau mehr Information. Die zweispaltige Gestaltung des Protokolls hielt sich in Biberach weiter, ebenso eine gewisse KürzeLKA, Sprengelarchiv Ulm, Schulkonferenzprotokolle 1826 - 1856..

Actum.

in der 28ten Schullehrer-Conferenz

unter der Direction Sr. Hochwürden, Herrn Stadtpfarrer [Christian August] Landerer,

Biberach, den 14. September 1836.

In Gegenwart sämtlicher Schullehrer.

1.) Die Conferenz wurde wie gewöhnlich mit einem 4.stimmigen Gesange eröffnet, und zu gleichem Zwecke für die nächste Conferenz das Lied Nro. [leer] bestimmt.

2.) Provisor Thomann zeigte, wie er den Leseunterricht in Verbindung mit dem Schreibunterrichte nach den Zellerschen Wandtafeln und dessen Fibel in seiner Schule betreibe.

3.) Wurde über Verschiedenes gesprochen. Namentlich auch wie der Unterricht in der Geographie in den Schulen zu geben sey, zu welchem Zwecke mehrere Werke angeführt und herrliche Landkarten vorgezeigt wurde.

Hier wurde das Protokoll unterzeichnet von [keine Unterschrift] Conferenz=Director.

In Besigheim finden sich dagegen hauptsächlich die Vorträge der Konferenzdirektoren, teilweise über ein Dutzend engbeschriebene Seiten. Wenn diese Vorträge als Zusammenfassung der "eingeloffenen" Aufsätze bezeichnet werden, so fehlt dabei die Kennzeichnung von Einzelleistungen: Es ist folglich nicht möglich, die Beiträge und Meinungen der Schullehrer von der Meinung des Direktors zu trennen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass des Direktors Meinung als die Meinung der anwesenden Mehrheit weitergegeben wurde.

Termine und zu bearbeitende Themen wurden als Jahresplanung, von Konferenz zu Konferenz oder durch "Circularschreiben" bekannt gemacht. Diese "Circulare" gingen direkt an die Lehrer oder waren nur ein Abschnitt in dekanatsamtlichen Schreiben an die Ortspfarrer.

Durch die Maßnahmen zur "Veredlung des Kirchengesangs" wurden die Konferenzen durch Gesang eingerahmt. Morgens, nach Möglichkeit in der Kirche, wurde zu Beginn teilweise auch vierstimmig gesungen, mit und ohne Schulkinder oder nur Kinderchor.

Nach dem morgendlichen Gesang waren die Lehrer erbaut genug, um dem Vortrag ihres Schulkonferenzdirektors zu lauschen. Zur Themenvielfalt und Dauer dieser Vorträge läßt sich das Inhaltsverzeichnis von "K. A. Bilfinger: Auswahl von Schullehrer-Konferenz-Vorträgen über wichtigere und zeitgemäße Gegenstände des Volksschulwesens. Tübingen, 1830" heranziehen.
 

 

I.

Inhalt.

Eröffnungsrede

 

    1  

II.  Was sollen die Schullehrer=Conferenzen?     7
III. Bemerkungen und Wünsche das Elementar=Schulwesen betreffend mit besonderer Rücksicht auf die Konferenz=Anstalt.   17
IV. Der Kampf des Landschullehrers mit äußeren Verhältnissen.   31
V. Der Standpunkt der Pädagogik mit besonderer Hinsicht auf das Volkschulwesen seit dessen Begründung bis auf unsere Zeit.   48
VI. Die Bell=Lancaster'sche Schuleinrichtung.   75
VII. Die Vorschule.   84
VIII. Das Schreibend=Lesenlernen.   92
IX. Ueber die sittliche Erziehung in den Volksschulen mit besonderer Rücksicht auf Stephani's Grundsätze der Schulzucht. 104
X. Das Lociren der Schüler. 128
XI. Ueber die Privatlektüre des Volksschullehrers. 138
XII. Die Sonntagsschule. 153
XIII. Der Schulmeister und der Schulamtsgehülfe in ihrem gegenseitigen Verhältnisse. 161
XIV. Wie kann und soll der Schullehrer auf das Verhalten der Schüler außer der Schule wirken? 172
XV. Warum sind unsere meisten Volksschulen immer noch so weit hinter den Erwartungen, zu welchen die entschiedenen Fortschritte der Pädagogik berechtigen, zurück? 179
XVI. Rückblick auf das verflossene Jahrzehnd unserer Konfererenz= Verhandlungen. 195
 
Rededauer des Schulkonferenzdirektors Bilfinger

Zählt man die Wörter pro Seite ab und nimmt eine Sprechgeschwindigkeit von 120 Wörtern pro Minute an, so ergeben sich nach einer Überschlagrechnung die aus der Grafik ersichtlichen Vortragszeiten. Da es sich um eine Auswahl von Konferenzvorträgen handelt, sollte man dem "Kurvenverlauf" keine allzugroße Bedeutung beimessen. Ohne diesen Vorbehalt könnte man darin eine gedämpfte Schwingung erkennen.

In den Besigheimer Protokollen sind längere Konferenzvorträge überliefert. So müßte der Vortrag am 5. März 1834 von Diakon Krauß nach obigem Ansatz 64 Minuten gedauert haben. Ich vermute aber, dass dies eher Untergrenzen sind, da es in einer Rede leicht zu Abschweifungen und Wiederholungen kommt, es sei denn, es wäre eine reine Lesung.

Dann erfolgte zumeist die Besprechung, Wertung und Rückgabe der Aufsätze, von denen bereits zu Beginn die Rede war. Die Schulkonferenzprotokolle von Biberach sind durch ein Register erschlossen. Die dort zu findende Zusammenstellung der ersten sieben Aufsatzthemen gibt zwar keinen abschließenden, aber bereits einen schon recht umfassenden Einblick in das Themenspektrum.

1. Conferenz über Ursache der Unruhe in der Schule und Mittel Stille zu bewirken.

2. Sicherung des Ansehens, Achtung, Liebe und Zutrauen des Lehrers bey den Kindern und ihren Eltern.

3. Eigenschaften eines wirksamen Religions-Unterrichts. Erwerbung der Fähigkeiten derselben. Katechisation über Joh. 3, 16Joh. 3,16: Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, . . ..

4. Verwahrung vor Rohheit und Wildheit, und Bildung in Sitten.

5. Mittel die Kinder zum Gehorsam und zur Folgsamkeit zu gewöhnen.

6. Katechisation über 1. Buch Mose 391. Mose 39: JOSEF in POTIFARs Haus, damit auch JOSEF und POTIFARs Weib..

7. Lehrer als Erzieher und Obliegenheit derselben.

Eine umfassendere Information dazu bietet "Fragen und Aufgaben welche bei der Schullehrer= Konferenz zu Backnang 1811-1825 abgehandelt worden sind."BAHNMAIER 1827, Juni-Heft, S. 307-319. Leider wird dort nicht angegeben, ob die Fülle der Aufgaben dadurch zustande kam, dass jeweils zwei Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeit gestellt wurden, wie in Besigheim, ob es sich auch um von den Lehrern selbst formulierte Themen handelt, wie einmal pro Jahr in Münsingen, ob eines von mehreren Themen frei gewählt werden konnte, wie bisweilen in Münsingen, oder ob verschiedene Konferenzbezirke mit verschiedenen Themen zusammengefaßt wurden. Grundsätzlich stellte der Konferenzdirektor das Thema. Beispiele für eine zentrale Themenstellung wurden mir nicht bekannt.

Die Formulierung der Aufgaben scheint für die Direktoren und die Lehrer kein wesentliches Problem gewesen zu sein. Falls doch, so galt das Prinzip: "Die vorgesetzte Behörde kann nicht irren!" Bei der General-ConferenzDas sind die Teilnehmer aller Konferenzbereiche einer Diöcese. in Münsingen am 5. Aug. 1835 wurde "wegen des gegenwärtigen Schulhausbauwesens in dem provisorischen Local der Mädchenschule, im Wirtshause zum Ochsen" getagt und nach "Absingung des Liedes: ‚Wort aus Gottes Munde‘" vom Direktor die Aufsätze mit den drei "zur beliebigen Auswahl"LKA, DA Münsingen, Nr. 12 Protokolle der Schullehrer Conferenzen, Münsinger Diöcese, District der hintern Alb. aufgegebenen Themen besprochen.

  1. Was hat der Lehrer zu beobachten, dem es am Herzen liegt, seinen Schülern die Bibel so nützlich als möglich zu machen?
  2. Wie ist der Unterricht in der Rechtschreibkunst einzurichten, daß der Zweck am leichtesten erreicht werde?
  3. ParentationLeichenrede, Trauerfeier. am Grabe eines fremden Religionsgenossen, der auf der Reise gestorben ist, und von deßen Lebenswandel man keine Kenntniß hat.
Der Konferenzdirektor Diakon Griesinger spart nicht mit Lob.
Das 3te Thema wurde nur von Dreien behandelt und unter diesen war nur Einer, der die Aufgabe richtig verstanden und gelöst hatte, nämlich Schulmeister Schauperlen, der eine in der That meisterhafte Parentation geliefert hatte, welcher auch bei der Recension nicht nur von dem Director das gebührende Lob zu Theil wurde, sondern auch von der ganzen Versammlung der Geistlichen und Schullehrer. Auch Provisor Eitels Parentation wäre zu loben gewesen, zumal als sein erster Versuch in diesem Theile der schulmeisterlichen Wirksamkeit, wenn er nicht unter dem fremden Religionsgenoßen einen Genoßen der christlichen Religion, der da, wo er starb, ein Fremdling war, verstanden und somit das Wesentliche der Aufgabe geradezu verfehlt hätte.
Zumindest im Protokoll wird die Möglichkeit einer verfehlten Themenstellung – wegen fehlender Eindeutigkeit - nicht in Betracht gezogen.

Das Protokoll enthält weiteren Text zu Versäumnissen samt Entschuldigungsgründen.

Keine Aufsätze waren eingegangen von Schulmeister Schwenk von Laichingen, der sich bei dem Director seines Bezirks mit Kränklichkeit, und von Schulmeister Strobel, der sich bei mir mit anderweitigen Geschäften entschuldigt hatte, ferner von Schulmeister Mollekopf, der gerade über die Zeit der Aufsätze am Schleimfieber krank war und heute wieder seinen ersten Ausgang gemacht hatte. Schulmeister Dußler hatte seinen Aufsatz erst nach dem Termin abgegeben, der deßhalb unberücksichtigt blieb. . . .

Noch trug Pfarrer Dietrich ein Decanatamtliches Ausschreiben an die Conf. Directoren vor, worin diese aufgefordert werden, in ihren jährlichen Conferenz-Berichten genau zu bemerken, welche Conf.Mitglieder das eine oder das anderemal entweder nicht erschienen seien oder keine Aufsätze geliefert haben, und knüpften daran eine ernstliche Ermahnung zum Fleiße an.

T. Diac. Griesinger, CfzDir.

Bilfinger schreibt in seinem Buch zu seinen InhaltenBILFINGER 1830, S. 26f.:
Den größten Theil der Konferenz=Verhandlung verwende ich auf einen gedrängten Lehr=Kurs über die vorgeschriebenen wesentlichen Pensen des Elementar=Unterrichts nach einer bestimmten Ordnung und nach eigenem Plane.
. . .

Ein anderer Hauptteil der Konferenz=Zeit ist zu mündlichen und schriftlichen Mittheilungen über andere in das praktische Schulfach, und vornehmlich in die Disciplin, einschlagende Materien, zu Berathungen über Lokalangelegenheiten, zu praktischen Uebungen und Katechisationen mit herbeigerufenen Schulkindern, und endlich der Berücksichtigung der unter uns eingeführten Konferenz=Hefte bestimmt.

Er hält praktisches Ausprobieren für notwendig; der Konferenzort soll wechseln, um andere Schulen zu sehen und die Ortsgeistlichen mit einzubeziehenBILFINGER 1830, S. 28f., auch hält er acht oder zwölf Konferenzen im Jahr für notwendig, um die gesteckten Ziele leichter und sicherer zu erreichen. Sein Konferenzvortrag "Der Standpunkt der Pädagogik mit besonderer Hinsicht auf das Volkschulwesen seit dessen Begründung bis auf unsere Zeit" ist in weiten Teilen eine Geschichte der Pädagogik. Angesprochen wird dabei: Karl der Große, Luther und Reformation, Comenius, Spener und Francke, Lessing, Gellert, Garve, Voß, Basedow, Rousseau, Campe, Becker, GutsMuths, Bruns, Riemann, Rochow, Pestalozzi, Stephani, Harnisch, Graser, Niemeyer, Natorp, Zerrenner, Dinter, Schwarz, Bell, Lancaster, Denzel, Wilmsen.

Er stellt klar, dass Schul- und Unterrichtsmodelle des Altertums wenig nutzen, da sie keine allgemeinen Schulen warenBILFINGER 1830, S. 50..

Für den Nachmittag wurde oftmals Gesang eingeplant oder zumindest die Zusammenkunft damit beschlossen.    

2.4.12. Eignung und Eifer der Teilnehmer

Die Auswahl der Direktoren machte diese selbst nicht immer glücklich, Kollegen machten kritische Anmerkungen, auch gedrucktBILFINGER 1830, S. 20.:

Was die Seminarien für die Bildung der Zöglinge des Schulstandes seyn sollen, das sollen die Schullehrer=Konferenzen für die Fortbildung der angestellten Lehrer seyn. Ueber diese gönnen Sie mir ein ausführlicheres Wort. Einmal dünkt mich, daß in der Regel die Wahl der sogenannten Konferenz=Direktoren zu leicht genommen wird. Den Meisten wird dieses in der That nicht so unbedeutende Geschäft, ohne alle vorhergegangene Prüfung, und ohne daß sie Proben ihrer pädagogischen Tüchtigkeit abgelegt haben, übertragen, so daß mancher selbst kaum begreift, zu der Stelle gekommen ist; kein Wunder, daß es vielen bald an den nöthigen Kenntnissen, bald an gehörigem Eifer, bald an praktischer Gewandheit fehlt, daß viele sich mit dem opus operatum begnügen, ohne daß ihnen die Sache weiter am Herzen liegt, und es ist ein glücklicher Zufall, daß sich die Konferenzen mehrerer tüchtigen und thätigen Direktoren zu erfreuen haben. Gelehrte Recensionen gelieferter Aufsätze über Materien, die zum Theil ohne Plan und Auswahl den Schullehrern aufgegeben werden, füllen häufig die meiste Zeit der Konferenz=Verhandlungen aus, ...

Bilfinger kritisierte dort auch, dass die Direktoren lediglich mit theoretischen Belehrungen und nur in den Schullehrerkonferenzen Einfluß auf die Lehrer nehmen könnten, also die allermeiste Zeit eben nicht. Er geht sogar weiter, indem er die Meinung vertritt, starke Lehrer brauchen diese Belehrungen nicht und für schwache reichen sie nicht aus. Hier tritt wieder das Problem von Notwendigkeit und Wirksamkeit von Erziehung auf.

Manche Lehrer gingen freiwillig, bevor die Konferenzen Pflicht waren, andere nach Einführung auch nach Strafandrohung immer noch nicht. Ein Beispiel für den ersten Fall findet sich in der Lebensgeschichte des Christian Konrad Reutter, geb. am 20. Jan. 1778 zu Hagelloch bei TübingenNekrolog 1845, S. 157.:

Indeß leitete ihn gerade diese Beschäftigung von selbst wieder zu eigenem Vorwärtsschreiten, und er besuchte deßhalb, noch lange ehe in Württemberg die Schul=Conferenzen gesetzlich angeordnet waren, die von Pfr. Esenwein in Steinheim a.d. Murr (5 Stund von Hausen entfernt) veranstalteten Privat=Conferenzen, arbeitete auch für dieselben Aufsätze aus, deren einer in "Völters neuem Landschullehrer" V. Bds, 2. Stück sich findet. Ja als Schul=Conferenzen bereits befohlen und im Gang waren, war er außerdem noch in den zwanziger Jahren Mitglied der von dem damaligen Diak. Riecke in Besigheim (jetzigem Sem. Rektor in Eßlingen) gebildeten Privat=Conferenzen, zu welchen er ebenfalls regelmäßige Ausarbeitungen lieferte.

Gegenbeispiele finden sich im Dekanat Neuenstadt am KocherLKA, DA Neuenstadt am Kocher, Nr. 79e) Schulkonferenz 1810-1881.:

. . . Mit desto größerem Myß.Vergnügen aber haben Wir ersehen, wie noch immer einige durch fortdauernde Renitenz, durch Eigendünkel und unbotmäßige Äußerungen dem Pfarrer Sigel sein verdienstliches Geschäft erschweren, weßhalb Ihr ihnen nahmentlich dem Schulmeister Wöhrle zu Aßumstadt und dem Schulmeister Hole zu Arnstadt ihr Betragen nochmahls nachdrücklichst zu verweisen und sie zu einem ordnungsmäßigeren Benehmen zu ermahnen habt, wofern sie nicht einer andernwärtigen Ahndung sich aussetzen wollen. Den Pfarrer Sigel habt Ihr zu Fortsetzung seines rühmlichen Eifers in Haltung der SchulConferenzen zu ermuntern.

Gegeben Stuttgart im Königl. OberConsistorium den 10t Jul. 1812.


Wir haben Eurer unterm 2. Jan.(?) d. J. an Unser K.O.C. erstatteten allerunterthänigsten Bericht über die von mehreren Schullehrern Eurer Dioecese gegen den Pfr. M. Sigel in Siglingen vorgebrachte Beschwerde eingesehen und geben Euch auf, sämtliche Schullehrer, welche die KlagSchrift gegen den Pfr. Sigel unterschrieben haben, vor Euch zu bescheiden, denselben, besonders aber den Schullehrern ? erle, Hole, Henninger und Meisner, welchen ihn, als den Haupturhebern der stattgefundenen Insubordination besonders Unser Allerhöchstes Mißfallen ausdrücken werdet, in Gegenwart des Pfrs. Sigel, welchen ihr zu dieser Verhandlung einzuladen habt, ihr ungegründetes und lügenhaftes Klagewerk auf das derbste und ernstlichste zu verweisen, und ihnen dabey zu bedeuten, daß Wir diejenigen, welch sich noch einmal beygehen laßen werden, unser K. O. C. mit solchen unstichhaltigen A..ecken zu behelligen, oder dem Pfr. Sigel in Vollziehung der ihm ertheilten Aufräge auf irgend eine Art Hinderniße in den Weg zu legen, mit reeller und empfindlicher Strafe belegen würden.

...

Gegeben Stuttgart im K. O. C. 10. 7br 1811

Da nun aber Pfr. Sigel sich neuerlich wieder bey dem Decanatamt über den Trotz und die Unbottmäßigkeit der Schulmeister (mit Ausnahme des in Bittelbronn und seiner eigenen) beschwehrt hat, daß sie schon das letztemal wieder eigenmächtig sich im Wirtshauß versammelt, und dadurch auf die frechste Art erklärt haben: wir thun doch, trotz den höheren und allerhöchsten Befehlen, was wir wollen, finde ich mich dadurch veranlaßt, Ew. Ew. HochEhrwürden . . . zu bitten, das hier angeschlossene K. Rescript ihren Schulmeister vorzulesen und ihnen in meinem Namen zu sagen, daß . . . Pf. Sigel zufolge des Rescripts erinnert worden sey, . . .

d. 20. Mart. 1812 . . . Geß

Da Wir aus der Relation von den, in der Dioecese Neuenstadt abgehaltenen SchulConferenzen im verflossenen Jahre zu ersehen gehabt haben, daß der Schulmeister Meisner daselbst solche das ganze Jahr, ohne der Direction eine legale Ursache anzugeben, nicht besucht hat; so habt ihr ihm ernstlich zu bedeuten, daß er künftig bey sonst zu erwartender Ahndung unfehlbar der Ordnung gemäß dabey zu erscheinen habe.

...Gegeben Stuttgart, im Königl: Synodus, den 18t May 1816.

Im Prinzip waren auch die Ortspfarrer Mitglieder der Konferenzen. Dies war sinnvoll, da die dort behandelten Themen auch die örtliche Schulaufsicht betraf. In den Protokollen werden jeweils die abwesenden Lehrer und die anwesenden Geistlichen notiert, womit sowohl der unterschiedliche Grad der Teilnahmepflicht als auch die Teilnahmegewohnheiten dokumentiert sind. Durch die Besigheimer Untersuchung zur "Katze ohne Kopf" ist noch bekannt, dass Geistlichen später kamen und dafür früher gingen.  

2.4.13. Die Aufsätze

Aus den erhaltenen Dekanatsakten und der Literatur lassen sich die Themen der Aufsätze einigermaßen vollständig zusammenstellen. Beispiele wurden oben bereits genannt, im Anhang finden sich weitere Themen. Weniger erfolgreich ist die Suche nach den Aufsätzen selbst. Die Arbeiten wurden den Lehrern zurückgegeben, teil- und zeitweise während der Konferenz, manche erst nach Vorlage bei der vorgesetzten Behörde. Erst wurde noch mehr vorgelegt, dann wurde der Aufwand zu groß.

Die an die Lehrer zurückgegebenen Aufsätze sind in der Regel nicht mehr auffindbar. Die Akten des Kultusministeriums verbrannten während des 2. Weltkrieges ziemlich vollständig und damit auch die besseren Abhandlungen. Die in den Dekanatsakten noch aufgefundenen Aufsätze sind zumeist unkorrigiert, unkommentiert und ohne Wertung. Da es sich fast nur um Einzelstücke handelt, ist ein Vergleich nicht möglich. Lediglich in den Leonberger Akten finden sich zum gleichen Thema mehrere Aufsätze:

Sind körperliche Strafen in unsern Schulen ganz zu vermeiden - oder nicht? und wenn sie nicht zu vermeiden sind, wie kann der treue Lehrer doch die Veranlaßung dazu vermeiden?

Das Problem dieser Abhandlung lag wohl darin, dass den neuen erzieherischen Idealen gemäß, eine körperliche Strafe zu vermeiden wäre, aus einigen Bibelstellen aber eine Züchtigungspflicht herausgelesen werden kann.

Eine von Pfarrer Seubert korrigierte Arbeit des Schulmeisters Moll befindet sich bei seinen Personalakten, leider in der ihm eigenen schlecht leserlichen Handschrift.


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