2.6. Lesegesellschaften und Buchbestand

2.6.1. Die gesetzliche Regelung

Die allgemeine Einführung von Schullehrer-Lesegesellschaften erfolgte ebenfalls 1810/1811 durch die General=VerordnungRegBl. 1811, S. 1f.:

§. 22. c) Ebenso wird die bereits empfohlene Errichtung von Diöcesen=Schullehrer=Lesegesellschaften hiemit allgemein vorgeschrieben.

In jeder Diöcese sind durch Mehrheit der Stimmen 2 Geistliche auszuwählen, die mit dem Dekan den Ausschuß bilden, welcher per majora die Wahl der Bücher bestimmt. Einer aus dem Ausschuß besorgt die Anschaffung und Versendung der Bücher nebst der Rechnung, die er alle Jahre der gesammten Diöcese zur Einsicht vorlegt. Das Hauptgesetz muß dabei sein: nicht viele aber durchaus gute und den Bedürfnissen der Schullehrer angemessene Schriften anzuschaffen. Alle Pfarrer, Diakone und Vikare, so wie alle Schulmeister und Provisoren der Diöcese sind gehalten, Mitglieder dieser Lesegesellschaft zu seyn.

Die vier ersteren zahlen zu derselben 30 kr. die lezteren so wie die Schulmeister, deren Einkommen nicht über 150 fl. beträgt, 15 kr. wobei wir jedoch erwarten, daß vermöglichere Geistliche von selbst es bei diesem Betrag nicht bewenden lassen, und auch die Dekane zu diesen Lese=Instituten, deren Beförderung und Benutzung ihrem eigenen Interesse für das Schulfach nicht gleichgültig seyn wird, freiwillige Beiträge zu geben geneigt seyn werden.

Außerden gibt das pium Corbus und die Commun jedes Orts jährlich 1 fl. dazu. Die Bücher bleiben Eigenthum der Diöcese. Wo Lokal=Schulbibliotheken sind, da sollen auch die Bücher derselben, in so fern ihr Gebrauch am Orte selbst darunter nicht leidet, für die Diöcesan=Lesegesellschaft durch Circulation benützt werden.

Auch im Gesetz über die Volksschulen von 1836 sind sie Bestandteil und geregelt unterULMER 1865, S. 23.
 
Art. 46.

Fortbildung der Volksschullehrer.

Der Ober=Schulbehörde liegt ob, die Fortbildung der angestellten Lehrer für ihren Beruf mit allen zweckdienlichen Mitteln zu veranlassen.

Zu diesen Mitteln gehören insbesondere:
. . .

c) die ständige Einrichtung von Lesegesellschaften für Schullehrer und Geistliche;
. . .

Die Kosten der Lesegesellschaften liegen den Theilnehmern ob.

2.6.2. Vorgeschichte

Bereits die umständliche Bezeichnung Schullehrer-Lesegesellschaft legt nahe, dass es sich um eine spezielle Abwandlung von bestehenden Einrichtungen handelt. Als Vorlauf können folgende Einrichtungen angesehen werden:

Die erste Lesegesellschaft auf deutschem Boden wurde 1779 in Stralsund gegründet, danach folgten dergleichen Institute in Mainz, Glückstadt (Anfang der 80er Jahre), dann in Frankfurt/Main (1788) und endlich auch in Ulm (1789).VOLZ 1986, Volkslektüre und Volksbildung.

Dass zwischen Gutenbergs Erfindung und der Gründung dieser ersten allgemeinen Lesegesellschaften über 300 Jahre vergangen sind, mag etwas verwundern. Gutenberg hatte aber nicht, zu seiner Erfindung passend, eine Art von "Nürnberger Trichter" erfunden, welcher schnell, sicher und allgemein dem Volke zur Lesefertigkeit verhilft. Spätere Erfinder hatten es da leichter: Thomas Alva Edison kümmerte sich nach der Erfindung seiner elektrischen Glühlampe auch erfolgreich um die allgemeine Stromversorgung. Erfindungen isoliert zu betrachten, ist wenig sinnvoll, erst die Zusammenhänge machen die geschichtliche Wirkung aus. Gutenberg löste nicht nur das Problem mit den beweglichen Lettern; sein Erfolg hing auch von der Konstruktion der Presse sowie der Beschaffenheit von Druckerschwärze und Papier ab: Erst die Gesamtlösung machte den Erfolg. Bei der späteren Verbreitung von Druckwerken spielte dann auch die Entwicklung der Falt-, Binde- und Schnitttechnik eine Rolle und - wie bei der Entscheidung zwischen Rechenbrett und schriftlichem Rechnen – der Papierpreis.

Bei den bürgerlichen Lesegesellschaften ging es nicht allein um die Kosten, denn etliche ihrer Mitglieder hätten sich die Bücher leicht selbst anschaffen können, auch nicht allein um das Lesen, denn die Texte gaben den Gesellschaften Gesprächsinhalte. Es ist heute noch hilfreich und sinnvoll, wenn man bei der Auswahl beraten wird und wenn man sich über den Inhalt aussprechen kann. Spätestens dann beginnen die Buchinhalte Wirkung zu zeigen.  

Stephani knüpfte [1797] damit auch an die damals allgemein verbreiteten Formen der Bildung Erwachsener an: Diese vollzog sich vor allem als Selbstbildung im Medium des Lesens und darüber hinaus in freiwilliggeselliger Form in den Diskussionen der Salons und Lesegesellschaften.

... Das individuelle Leseerlebnis wurde durch spontane Dispute, monatliche Vorträge und gesellige Unterhaltung erweitert und ergänzt. Diese Gesellschaften bildeten deshalb auch ein wichtiges Forum politischer Diskussionen, so wurde etwa 1797 in Köln eine Lesegesellschaft gegründet, um die Einführung einer republikanischen Verfassung in der Stadt zu stützen und zu begleiten. Daß in der Zeit der Revolutionen in Deutschland manche dieser Clubs und Gesellschaften verboten und geschlossen wurden, ist daher nicht verwunderlich. Die genannten Zirkel und Gesellschaften trugen, trotz ihres teilweise elitären, ja manchmal geheimbündlerischen Charakters zweifelsohne zur Stärkung bürgerlichen Selbstbewußtseins in Deutschland und zur Verbreitung der aufklärerischen Grundintentionen erheblich bei.CIUPKE 1999, S. 65f.

Gesprächskreise als Teil der Lesegesellschaft können sowohl Verstärkung als auch Regulation bewirken. Als Innenminister oder Polizeiminister mußte man die Lesegesellschaften nicht verbieten, es war wesentlich effektiver die richtigen Personen hinzuschicken. Schullehrer-Lesegesellschaften lassen sich ähnlich gebrauchen: Durch Pflichtmitgliedschaft wird Zeit und Geld für selbstgewählte oder gar "ungeeignete" Lektüre eingeschränkt.

Der von den Schulkonferenzen her bekannte Waisenhausschulmeister Israel Hartmann gab seinem begabten Sohn David RatschlägeBERTSCH 1910, S. 33.:

Betreffend des Bücherkaufens gab der Vater dem Sohn den Rat, nur solche anzuschaffen, die man nicht nur einmal durchlese, solche könne man entlehnen, sondern die lebenslang ihren Wert behalten; und weiter nur solche, die auch zur Erweckung und Stärkung unseres allerheiligsten Glaubens und zum rechtschaffenen Christenwandel förderlich seien.

Da David Hartmann studierte, lag das Problem mit den Büchern nahe, aber auch Schulmeister kannten in dieser Zeit den Wert geeigneter Bücher. Bei Heiraten war ein "Inventarium" zu erstellen, also eine Zusammenstellung, was an Geld, Immobilien, Schmuck, Kleidung, Einrichtungsgegenständen und Aussteuer eingebracht wurde. Nachdem der damals neue Freudentaler Schulmeister Johann Jeremias Schwarz 1779 geheiratet hatte, wurden im 1780 erfaßten InventariumKLING 1991, S. 540; siehe auch Anhang. auch seine Bücher einzeln genannt.

Schmolkens Schriften in 3 Theil, 1 Rechenbuch, Hillers Confirmationsbüchlein, 1 alte Bibel, würt. Gesangbuch, 1 Seizers Predigtbuch 1 Bischoffs Erklärung über die Kinderlehr, 1 Zobels Raisbuch, 1 Vocobularium, 1 Collegium, 1 Grammatic [Wert] 10 fl.

Das "Rechenbuch" und die "Grammatic" sind nicht eindeutig bestimmbar. Bei "Schmolkens Schriften" lässt sich zumindest der Verfasser einigermaßen sicher benennen: Benjamin Schmolck. Die beste Entsprechung in den Beständen der Württembergischen Landesbibliothek ergibt sich mithttp://www.ubka.uni-karlsruhe.de:

Benjamin Schmolckens sämtliche trost- und geistreiche Schrifften : auf vielfältiges Begehren besonderer Liebhaber derselben also bequem zusammen gesammlet, und mit e. Vorrede . v. d. Herrn auctoris Leben und Schrifften, auch genugsamen Reg. vers. - Tübingen : Schramm. [ohne Jahr].
Titelblatt des "Pietistischen Gesangbuches" - Druck 1741 bis 1787

Bei dem "würt. Gesangbuch" dürfte es sich nach Titel und Zeit um das in vorstehender Abbildung gezeigte Werk handelnDazu gesichtet: EGB 1996, Gesangbuchgeschichte in Württemberg, S. 1631f..

Die Schule selbst zeigt sich nicht besser sortiert. Zugänge und Bestände wurden in den Kirchenbüchern als "Fahrnuß" oder Fahrnisfahrende Habe, bewegliches Vermögen. notiert und testiert. Die verschiedenen Eintragungen wurden in nachfolgender Tabelle zusammengestellt.

 
Bücherbestand der Freudentaler Schule bis 1811
  1742Nur Bücher für die Kirche aufgelistet. 1749 1762 1772 1793 1808  1811 
Bibel in Folio   EErsteintrag TTestat T beim Schulhausbau verloren gegangen    
Störlens Choral-Buch in der Kirch   E T        
Gesangbuch       T Altes Gesangbuch abgegangen    
Wirtemberg. neues Gesangbuch, in die Schule         E    
Bischoffs Erklärung des Conformations Büchlein   E T T T [gestrichen]    
Bischoffs Schatz Kästlen   E T T T    
BreuningersIm Kirchenbuch nicht eindeutig zu lesen: Bräud\gs (1749), Breunlings (1762), Braunlings (1772), Breunings (1793). Recherche bei http://kvk.ubka.uni-karlsruhe.de ergab: Gott-geheiligte Paßions-Schul oder die gantze Leydens-Geschicht unsers HErrn und Heylandes JEsu Christi ... in Frag und Antwort verfasset / von Friederich Wilhelm BREUNINGERN, Tübingen: Franck, 1724, Seiten: [16] Bl., 1040 S., [24] Bl. 
Passions= Schul
  E T T T    
Die Schul-Ordnung       E      
Die Schulgeseze         E    
Braunschw. Catechismus         E    
Neue Kinderlehr         E [gestrichen]    
Seilers Catechismus         E    
Noth u: Hülfbüchl.         E    
Sartorii Bibel.         E    
Seilers Erbauungsbuch           E  
Rochow Kinderfreund.             E


Der Großteil des Bestands gehört nach heutigem Verständnis zur Religionslehre. Bemerkenswert sind Schul-Ordnung und Schulgesetze als Druck sowie das Zeichen eines Wandels: Rochows Kinderfreund. Der Bücherbestand der Schule entspricht in etwa den Verordnungen und ist deshalb einigermaßen sicher zu verallgemeinern. Bei Schulmeister Schwarz "von 1 auf n" zu schließen, wäre im Prinzip falsch.

Der Mangel an Büchern zur Erziehung und zur Unterrichtslehre wurde nach Inhalt der Kirchenkonventsprotokolle durch den Einsatz eines Stockes kompensiertManuskript, übertragen von Heinrich KLING, Freudental..

Actum den 10. Febr. 1797

Anheute wurde vorgebracht:

Der Jacob Heinrich Conrad hat bei dem Staabs und Pfarramt die Klage gemacht, daß der Schulmeister Schwarz seinen 9jährigen Schulerbuben so arg geschlagen daß der ganze Buckel unterloffen seye und er deßwegen, da allgemein bekannt wäre, daß der Schulmeister die Kinder so sehr schlage und ihm dies schon offt untersagt worden, um hinlängliche Satisfaction bitte, weilen er ansonsten seinen Buben nimmer in die Schule schicken könne.

2.6.3. Das Zeitschriften-Angebot

Um den Stellenwert von Bildung durch Lesen in dieser Zeit abschätzen zu können, sollte man das Angebot kennen. Für die Zeit von 1750 bis 1800 hat Günter VolzVOLZ 1986. eine Aufstellung der in Süddeutschland erschienenen Zeitschriften erarbeitet.

Zeitschriftenliste 1750 bis 1800
Allerlei
Allgemeine Bibliothek für das Schul- und Erziehungswesen in Teutschland
Altdorfische Bibliothek der gesammten schönen Wissenschaften
Amaliens Erholungsstunden
Der Beobachter
Beobachtungen zur Aufklärung des Verstandes und Besserung des Herzens
Baierische Beyträge zur schönen und nützlichen Litteratur
Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters
Beyträge für Philosophie, Geschmak und Literatur
Chronologen
Deutsche (Teutsche) Chronik
Ergötzlichkeiten aus der Kirchengeschichte und Literatur
Der Freymüthige
Freyburger Beyträge zur Beförderung des ältesten Christentums und der neuesten Philosophie
Gelehrte Ergözlichkeiten und Nachrichten
Das Graue Ungeheur
Hyperboreische Briefe
Journal zur Kunstgeschichte und zur allgemeinen Litteratur
Literarisches Museum
Monathliche Beyträge zu Förderung des wahren Christentums
Magazin für Mönche und Nonnen
Magazin für die neueste Litteratur
Magazin von und für Schwaben
Monatliche Unterhaltungen zum Unterricht und Vergnügen der Jugend
Neue Beyträge zum Vergnügen des Geschmaks, des Verstands und des Herzens
Nachrichten zum Nuzen und Vergnügen
Der Neue Rechtschaffene; Oberdeutsche allgemeine Litteratur-Zeitung
Der Patriot am Bodensee
Der Patriot in Baiern
Pfalzbaierisches Museum
Der Rechtschaffene
Revision der neusten deutschen Litteratur
Real Wochenblatt aus Schwaben
Schwäbisches Archiv
Stuttgarter allgemeines Magazin
Schwäbische Chronick
Schwäbische Merckwürdigkeiten
Schwäbischer Merkur
Schwäbisches Magazin zur Beförderung der Aufklärung
Schwäbisches Magazin von gelehrten Sachen
Schwäbisches Museum
Stuttgarter Real-Zeitung
Tübingische Berichte von gelehrten Sachen
Tübingische gelehrte Anzeigen
Der teutsche Sprachforscher
Taschenbuch für teutsche Schulmeister
Vaterländische Chronik
Wochenschrift zum Besten der Erziehung der Jugend
Wissenschaftliches Magazin für Aufklärung
Wöchentliche Nachrichten von Gelehrten Sachen
Wirtembergisches Repertorium der Litteratur
Zustand der Wissenschaften und Künste in Schwaben.

Nur teilweise erschließt der Titel Einblicke in die Inhalte oder benennt die Zielgruppe. Häufigkeit und Dauer des Erscheinens sind ganz unterschiedlich. Sowohl allgemein, als auch bei den hier betrachteten pädagogischen Zeitschriften.  

Wochenschrift zum Besten der Erziehung der Jugend. 1771-1772. Christian Gottfried BÖCKH. Stuttgart und Tübingen (Cotta). Wochenschrift: 2 Jahresbände zu 52 Nrn. mit je 16 S. Ausschließlich pädagogische Themen, jede Nr. enthält erstens eine theoretische oder historische Abhandlung zu Erziehungsfragen, zweitens einen literarischen Text für Kinder mit didaktischer Zielsetzung. Diese Texte stammen von namhaften Autoren. Erbaulicher Ton.
Allgemeine Bibliothek für das Schul- und Erziehungswesen in Teutschland. 1773-1786. Christian Gottfried BÖCKH, Nördlingen (Beck). Als Halbjahresschrift angelegt, aber sehr unregelmäßige Erscheinungsdaten. Insgesamt 11 Bde. zu je 2 Nrn. Rezensionen und Abhandlungen zur Pädagogik. Versteht sich als Fortsetzung der WBE. Will ein Hauptcomtoir aller auf die Aufnahme des Erziehungs- und Schulwesens sich beziehenden Nachrichten sein.
Taschenbuch für teutsche Schulmeister. 1786-1789, 1790-1792. Christoph Ferdinand MOSER Ulm (Wohler). Jährlich: Bd. I (1786-1789); Bd. II (1790-1792); insgesamt ca. 260 S. Ausschließlich pädagogische Themen: Lehrerbildung, Ankündigung und Rezension pädagogischer Schriften, Ratschläge und Informationen für den Lehrer bis hin zu materiellen Details
Monatliche Unterhaltungen zum Unterricht und Vergnügen der Jugend beiderlei Ge-schlechts. 1790. Johann Michael Friedrich MAHL u. a. Stuttgart (Selbstverlag) Monatsschrift: 2 Halbjahresbände mit je 360 S. Inhalt ausschließlich pädagogisch. Bestimmung und Beschreibung der Unterrichtsfächer. Vielseitige pädagogische Gegenstände, manchmal in Dialogform gefaßt. In jeder Nr. eine moralische Erzählung. Ankündigung und Rezension literarischer Werke, unter dem Gesichtspunkt des erzieherischen Nutzens.

2.6.4. Erste pädagogische Lesegesellschaften

Einzelne Buchausleihen von Pfarrern an Lehrer sind in Lebensbeschreibungen zu finden. Bereits im "Taschenbuch für teutsche Schulmeister auf das Jahr 1786" wird die Einrichtung einer Bücherei lobend genanntDIETZ 1984, S. 162. :

Pfarrer M. Wittich in Hundersingen stellte eine kleine Bücherei für Schulmeister in seinem Bezirk zusammen; wer Mitglied der Lesegesellschaft war und jährlich ein paar Kreutzer einzahlte, konnte sich immer für vier Wochen ein Buch seines Faches und Interesses ausleihen und sein Wissen vermehren.

Das General-Synodal-Rescript vom Jahr 1792 rügt die in den Berichten "zu unbestimmte Erwehnung", die "gnädigst vorgeschlagene Errichtung von [theologischen] Lesegesellschaften"Hartmann 1798, S. 543. betreffend, man will es in Zukunft genauer wissen. Eher erstaunt wird festgestellt,

daß in einigen Diöcesen nach Unserm ferndigen Vorschlag bereits theils eine Lesegesellschaft für Schulmeister schon wirklich zu Stand gekommen, theils mit der Errichtung derselben ein guter Anfang gemacht worden ist.

Der Vorschlag war vom Jahr zuvor.

Schlenker schlug 1793 in seinem "Versuch eines politischen Schulplanes zu Ausführung mehrer Ausführung des Entwurfs eines Staats- und Oeconomie-Plans für gemeine Stadt Kircheim unter Teck"LKA, DA Kirchheim unter Teck, Inventar-Nr. 640: Seite 89 im §74. eine regelmäßige und systematische Anschaffung von Büchern vor. Die Schulstiftung für die lateinische Schule sollte insofern eine Entsprechung für die teutsche Schule finden, als eine immerwährende Schul-Bibliothek geschaffen wird. Dies nutzt besonders den Provisoren, von welchen etwa jeweils vier in der Stadt arbeiten. Schlenker macht einen Finanzierungsvorschlag, schlägt die Anschaffung von Mosers Taschenbuch für teutsche Schulmeister vor. Zukünftig soll

4) jedem Lehrer erlaubt seyn, jährlich für Zween Gulden Bücher (incl. des Bands) daraus zu choisiren, die nach vorgängiger Recognition des geistl. und weltlichen Oberamts von dem Bibliothecar erkaufft und denen Lehrern zugestellt,

sodann

5) darüber 2. Inventarien einer davon von dem Magistrats=Bibliothecario und eines in jeder Classe aufbewahrt - auch

6) bei jeder Schulvisitation solche nicht nur durchgangen, sondern auch darauf gemerkt werden soll, wie sie von jedem Lehrer bei seinen Schülern angewandt worden seyen.

Ein Teil des Registers vom vorgeschlagenen "Taschenbuch für teutsche Schulmeister, herausgegeben von Christoph Ferdinand Moser, Pfarrer zu Wippingen und Lautern im Wirtembergischen", erschienen in Ulm, findet sich im Anhang.

Der eifrig Schulkonferenzen besuchende Christian Konrad Reutter nutzte auch LiteraturNekrolog 1845, S. 158. :

"Es werde Licht!" war sein Losungswort; nach Licht strebte er, Licht suchte er zu verbreiten, soweit es ihm in seinem Kreise möglich war. – Seine Bibliothek, für die Verhältnisse eines Landschullehrers fast zu umfangreich, und ausgestattet mit den Werken der berühmtesten Schriftsteller seiner Zeit, besonders der im Erziehungsfach, unter welchen er sich von Salzmann, Becker, Pestalozzi, Niemeyer, Wilmsen, Schwarz, Dinter und Diesterweg besonders angesprochen und befriedigt fühlte, und denen er den hauptsächlichsten Einfluß auf seine Geistes= und Herzensbildung zuschrieb, genügte ihm nicht. Geraume Zeit vor Gründung der gesetzlichen Schullehrer=Lesegesellschaften bildete er deshalb, in Verbindung mit zwei gleichgesinnten und für Volks= und Volksschullehrerbildung gleich begeisterten Freunden, den damaligen Schullehrern Sauter in Flehingen und Rapp in Ittlingen, Privat=Lesegesellschaften nicht allein für mehrere württ. Diözesen, sondern auch für benachbarte Diözesen Badens, unter dessen Lehrern er von seiner Bedienstung an viele wackere Freunde zählte. Allein auch nachdem dieser Lesezirkel in der Folge sich aufgelöst hatte, konnte man sich versichert halten, auf seinem Tisch die neuesten und interessantesten Schriften anzutreffen, und zwar nicht blos aus dem Fach des Schulwesens, sondern auch aus andern Gebieten des Wissens, wie er sich denn überhaupt für alles Edle, Große und Nützliche, sei es in Religion oder Politik, in der Natur oder Kunst, oder im Menschenleben, interessirte.

Von dieser Lesegesellschaft wird ausführlicher in "Nachricht von der Errichtung und dem Fortgange einer neuen Lesegesellschaft für Schullehrer" berichtet, erschienen 1803 in "Der neue Landschullehrer" und im Anhang wiedergegebensiehe Anhang "Völters Neuer Landschullehrer"..

2.6.5. Der Betrieb der Lesegesellschaften

Während in der vorgenannten "Nachricht" recht ausführlich berichtet wird, kann man den Dekanatsakten nur dürftige Informationen entnehmen. Erwerbungen und Bestand sind einigermaßen klar dokumentiert, da es sich um den Nachweis von Ausgaben handelt. Die betreffenden Akten des Weinsberger Dekanats wurden weitgehend erfasst und sind im Anhang zu finden.

Weniger klar sind die Modalitäten der Ausleihe. Je nach Umfang, Schwierigkeit und Nachfrage wurde den einzelnen Werken eine bestimmte Lesezeit zugeordnet: 1, 2, 3 oder 4 Wochen. Die Abgangstage sind notiert, die Wiederankunft aber sehr selten. Bearbeitungszeiten sind damit nicht zu ermitteln und die Leseleistung ist somit nicht abschätzbar. Wie in Flehingen wurde aus einem Großzirkel mehrere Kleinzirkel gebildet, um einen besseren Überblick zu behalten, einen Stau zu vermeiden und Verluste sicherer zuordnen zu können.

Auch in Münsingen gab es Grund zu ErmahnungenLKA, DA Münsingen Nr. 12, S. 39.

Act. d. 11. Febr. 1829.

Die Einträge in das Conferenzheft gaben Veranlaßung über die Circulation der Lesebücher aus der pädagogischen Lesegesellschaft der Diöcese Münsingen einige Wünsche und Vorschläge zu äußern – Namentlich

Daß die Bücher regelmäßig circuliren und die Lesezeit genau eingehalten werden möchte.

Daß um dem Verlorengehen vorzubeugen – jeder den Empfang des Lesebuchs seinem Vorgänger quittiren sollte.

Daß die Beiträge regelmäßiger eingesammlt werden möchten. Conf. Dir. erbittet sich von den Schullehrern und öffentlichen Cassen seines Bezirks die Beiträge einzusammeln und an den Caßier (Herrn Helfer Schüle in Münsingen) dann zu überliefern – so wie die Circulation der Bücher in unserm Distrikt zu leiten.            Busch, C. Dir.

Zahlungsversäumnisse kamen bei allen Arten von Zahlungspflichtigen vor: Lehrer, Pfarrer, Kirchen- und Gemeindepflege.

Bei den Aufsatzthemen tauchen Bezüge zu bestimmten Büchern selten auf. Ein solches Thema konnte von einzelnen Lehrern nicht bearbeitet werden, weil der Buchumlauf nur schleppend voran kam. Versucht wurde es aber dochLKA, DA Münsingen Nr. 12, S. 46. .

Act: d: 1. Dec. 1830.

Aufgabe: "Wann und wie soll das Kopfbuchstabieren in der Schule betrieben werden? Soll dasselbe dem Leselernen zu Grunde gelegt werden? " – Mit besonderer Berücksichtigung der von Sartorius angekündigten neuen Theorie der praktischen Lesekunst, die Kopfbuchstabir=Methode. Jahrbücher der deutschen Volksschulen von Schwarz u. a. Jahrgang 1830. Erstes Heft.

——————

Bei der heute abgehaltenen Conferenz wurden die über obige Frage eingeloffenen Aufsäze von dem Conf. Dir. vorgelesen und besprochen. Da aber das bezeichnete Heft der Schwarzischen Jahrbücher noch nicht allgemein den Circel durchloffen hatte, so konnten mehrere Aufsäze nur auf das bei der lezten Conferenz vorläufig Rücksicht nehmen und nur das Kopfbuchstabiren überhaupt abhandeln. Darüber waren die Stimmen einig, daß die Sartorius‘sche Ankündigung, welche auf das Kopfbuchstabiren allen Leseunterricht gründen will, wahrscheinlich zu viel verspreche; ja der Natur der Sache nach unmöglich das, was er davon verspricht, \ geleistet werden könne.

Selbst wenn der Durchlauf innerhalb der geplanten Zeit erfolgt wäre, hätten sich für die Lehrer recht unterschiedliche Bearbeitungszeiten ergeben. Im Gegensatz zu den Konferenzen sind Unstimmigkeiten bei den Lesegesellschaften nur in bezug auf die Beiträge zu finden. Nicht grundsätzlich, aber wenn man bezahlt, so will man auch bei der Auswahl mitbestimmen. Pfarrer Seubert hat die Bücher nicht nur ausgesucht, sondern auch gleich noch kommentiert. Je nach Ansicht ist dies eine Hilfe oder nur der Versuch einer Lenkung. Widerspruch dazu gab es durchausVollgiltige Stimmen 1830,  S. 121.:

Ueber Lesezirkel und Lehrerkonferenzen. (v. Gräfe.)

Wenn die Schulbehörde Lesezirkel zur freien Benutzung der Lehrer einrichtet, wozu sie das vollgiltigste Recht hat, und wozu sie verpflichtet ist, so muß sie die Wahl der zu lesenden Bücher den Schullehrern völlig überlassen, und sie kann höchstens vorschlagsweise dieselben auf die bedeutenden Erscheinungen in der pädagogischen Literatur aufmerksam machen.

Es ist in neuerer Zeit nicht selten der Fall, daß die unteren geistlichen Behörden, denen die Leitung der Schullehrerlesezirkel übertragen ist, sich anmaßen, allein die zu lesenden Bücher zu bestimmen, und die Wünsche der Lehrer wenig oder nicht berücksichtigen. Ich weiß nicht aus welchem Grunde. Hält man die Lehrer vielleicht für zu unwissend, als daß ihnen eine Stimme hierin gebührte? Oder will man vielleicht dadurch verhindern, daß die Lehrer Bücher lesen, die sie nicht lesen sollen? Das Letztere scheinen allerdings manche niedere geistliche Behörden zu bezwecken. Sie sind sorgfältig bemüht, zu verhindern, daß die Lehrer mit Schriften bekannt werden, in denen das Verhältniß der Schule zur Kirche, der Geistlichen zu den Schullehrern erörteret wird. Wie kleinlich solche Furcht ist, leuchtet ein.

2.6.6. Die Bücherauswahl

Bereits in herzoglichen Zeiten wurden bestimmte Bücher empfohlen und mehr oder weniger zögerlich angeschafft, wie die oben stehende ZusammenstellungBücherbestand der Freudentaler Schule bis 1811 zeigt. In der General-Verordnung von 1810 wurden eine ganze Reihe von Büchern genannt. 1848 veröffentlichte SüskindSÜSKIND 1848, S. 133f. eine Liste der bis dahin empfohlenen Schulbücher, die er aus den verschiedenen Verordnungen zusammengesammelt hatte. Zuvor schrieb er noch ein paar kritische Bemerkungen zur Beschaffung nieder.

Die Schulbüchersammlung nach Artikel 17 des Schulgesetzes.

Nach diesem Artikel ist auf die Anschaffung einer angemessenen Büchersammlung für jede Volksschule insbesondere Bedacht zu nehmen. Je mehr durch die Bestimmungen des Art. 22 [Besondere Einnahmen für Schulzwecke] dafür gesorgt worden ist, daß in pecuniärer Hinsicht der deutlich erklärten Absicht der Gesetzgebung und der Verwirklichung derselben kein Hinderniß im Wege steht: desto auffallender sind die Hemmungen, welche die Anschaffung einer angemessenen Bibliothek von andern Seiten erfährt. In den Ergänzungserlassen, namentlich zum Art. 22, sind unter den Ausgaben aus dem Schulfonds die Anschaffungen zum Zweck der Fortbildung der Lehrer vorangestellt. Wodurch kann aber wohlfeiler in dieser Beziehung für den Lehrer gesorgt werden, als durch die Anschaffung der württemberg‘schen pädagogischen Zeitschriften? Und dennoch beschweren sich fortwährend die Lehrer in den verschiedensten Gegenden, - wol nicht ohne Grund, - daß sie ungeachtet wiederholter Anträge jene Zeitschriften nicht erhalten. . . . Im Widerspruch mit den diesfalls bestehenden Verordnungen, haben nämlich da und dort die weltlichen Mitglieder der Ortsschulbehörden angefangen, jede einzelne Anschaffung aus dem Schulfonds vor ihr Forum zu ziehen und förmlich darüber abzustimmen.

Zur kompakteren Darstellung wurde der Text nachfolgend leicht umgegliedert.

Empfohlene Bücher
empfohlen Verfasser Titel erschienen
1792/

1810

  Katechismus in der christlichen Lehre. Wie solcher in den braunschweigischen lüneburgischen Kurlanden eingeführt ist. 1793
1799   Abhandlung über die Einrichtung der Schulen in Rücksicht auf die körperliche Gesundheit  
1799 Leutwein Deutsche Sprachlehre  
1804 Heuß Anweisung zum Kopfrechnen  
1806/07 Rochow, Riecke, Völter Der Kinderfreund zum Unterricht in dem Lesen und bei dem Lesen, vornehmlich für Landschulen. 
Für Katholiken besonders bearbeitet
1806/08
1807/10 Seiler Das kleine biblische Erbauungsbuch oder die biblischen Historien mit erklärenden kurzen Andachten und Gebeten. 1807/08
1808 Bacher Praktisches Handbuch für Schullehrer. München 1806
1808 Bacher Gemeinnützige Sätze zu Vorschriften. München 1805
1808 Batz Katholischer Katechismus  
1808 Becker Noth= und Hülfsbüchlein für Katholiken besonders bearbeitet  
1808 Ernesti Anleitung zur gesitteten und feineren Lebensart mit der nöthigen Gesundheitslehre für die Jugend beiderlei Geschlechts; auch zur Beherzigung für Erwachsene  
1808 Halle Die deutschen Giftpflanzen  
1808 Junker Schriften. Legende für den gemeinen Mann zum nützlichen Unterricht über Religion, Welt= und Menschenkenntniß, Folgen der Tugend und des Lasters, Kinderzucht und Ausartung, Gesundheit und Behandlung der Krankheiten an Mensch und Vieh über Ackerfeldbau und allerhand wirthschaftliche Dinge, schädliche und gute Sachen. 4 Theile. München 1788
1808   Lesebuch für katholische Landschulen von einem katholishcen Geistlichen in Franken  
1808 Niemeyer Schriften  
1808 Overberg Anweisung zum zweckmäßigen Schulunterricht 1803
1808 Pestalozzi Schriften  
1808 Pestalozzi Rechnungstabelle  
1808 Riemann Schriften  
1808 Schmid Biblische Geschichte  
1808 Stephani Schriften  
1808 Weber Ueber den Ungrund des Hexen= und Gespensterglaubens  
1808 Weckerlin Ueber die Einrichtung der Schulen in Rücksicht auf die körperliche Gesundheit der Jugend  
1809/10   Der katholische Landkalender  
1810 Denzel Schulblätter  
1810 Müller Kurzer Begriff des christlichen Glaubens in einer Auswahl biblischer Sprüche zum Gebrauch für den ersten Religionsunterricht. Schaffhausen 1808
1810 Müller Von dem christlichen Religionsunterricht. Winterthur 1809
1810 Nägeli Singlehre  
1810 Niemeyer Anleitung zu Pestalozzi's Schriften  
1810 Pestalozzi Buch der Mütter  
1810 Pestalozzi Einheitstabelle  
1810 Rochow  Anleitung zu Pestalozzis Schriften  
1810 Schmid Elemente der Zahl  
1810 Tillich Erstes Lesebuch  
1811/13 Haab Lesebuch für die männliche und weibliche Jugend zum Gebrauch in der Sonntagsschule  
1812   Beispiele des Guten  
1812 Bitzer Vorschriften  
1812 Denzel Kurze Sätze für den ersten zusammenhängenden Religionsunterricht  
1812 Keßler Vorschriften  
1812 Scheul Vorschriften  
1816 Dietrich Naturhistorisches Wörterbuch  
1816 Ziegenbein Handbibliothek  
1816 Natorp Kleine Schulbibliothek  
1819 Wohlbold Anleitung zum Singen nach Zahlen  
1820 Alle Anleitung, taubstumme Kinder im Schreiben, Lesen, Rechnen und Reden zu unterrichten, und sie moralisch gut und bürgerlich brauchbar zu bilden. 1820
1820 Memminger Kleine Beschreibung oder Geografie und Geschichte von Württemberg, nebst einer Einleitung in die allgemeine Erdkunde  
1820 Memminger Beschreibung oder Geographie und Statistik nebst einer Uebersicht der Geschichte von Württemberg  
1821 Denzel Die Volksschule. Ein mehtodischer Lehrkursus.  
1821 Schmiedlin Ueber öffentliche Kinderindustrieanstalten.  
1822 Krause Lehr= und Handbuch der deutschen Sprache. 1821
1823 Becker Schriften  
1823 Campe Schriften  
1823 Daniel Deutscher Volksschullehrer als Meister unter 100 Schülern.  
1823   Freimüthige Jahrbücher der allgemeinen deutschen Volksschule.  
1823 Haab Lesestücke für die Volksschule  
1823 Jais Schriften  
1823 Kocher Die Tonkunst in der Kirche.  
1823 Krummacher Schriften.  
1823 Nägeli Gesanglehre  
1823 Natorp Gesanglehre  
1823 Salzmann Schriften  
1823 Schlez Schriften  
1823 Schmid Erzählungen  
1823 Schwäbel Schriften  
1824   Topografische Beschreibung von Württemberg nach einzelnen Oberämtern  
1825 Frech Die 24 Tonarten für das Klavier mit angemerktem Fingersatz.  
1825 Hoffmann Lehrbuch der Arithmetik  
1825 Kübler Anleitung zum Gesangunterricht in Schulen.  
1825 Müller Instruktive Üebungsstücke für das Pianoforte.  
1825 Schuhmacher Elementarisches Kopfrechnen mit reinen und angewandten Zahlen. 1817
1826 Daniel Allgemeine Taubstummen= und Blindenbildung.  
1828 Knapp Sammlungen der Verordnungen für den evangelischen Schulstand Württembergs 1828
1828 Waldhor Klavierschule  
1829 Hochstetter Naturgeschichte für die deutsche Jugend  
1830 Hientzsch Eutonia, eine musikalische Zeitschrift  
1830 Jäger Ueber die Behandlung taubstummer und blinder Kinder. 1829
1832 Jäger/Riecke Anleitung zum Unterricht taubstummer Kinder.  
1833 Nädelin Methodische Anleitung zum Schön= und Schnellschreiben 1833/39
1835 Plieninger Gemeinfaßliche Belehrung über die Blitzableiter  
1836   Biblische Geographie für Schulen und Familien mit Abbildungen  
1836   Biblische Naturgeschichte für Schulen und Familien  
1836   Gebetbüchlein für christliche Schulen.  

Es folgen 39 weitere Werke bis 1847.

Verglichen mit dem vorgehenden Jahrhundert war die Auswahl an Büchern für Schüler und Lehrer ungemein reichhaltig geworden. Damit taucht aber die Frage nach dem richtigen Buch auf, nach der richtigen Methode. In der Generalordnung von 1810 waren empfohlen worden: Denzel, Müller, Nägeli, Niemeyer, Pestalozzi, Rochow, Schmid, Seiler, Stephani und Tillich.

Ob es Absicht oder eine Nachlässigkeit des Setzers war, dass alle Namen außer Pestalozzi gesperrt gedruckt wurden, ist mir nicht bekannt. Da d’Autel jede Vermischung der Methoden scharf ablehnteSCHMID 1933, S. 33., sogar andere Methoden (Olivier, Rochow und Basedow) vom württembergischen Schulwesen ausschließen wollte, handelte es sich stellenweise nicht allein um einen Methodenstreit. Der entsprechende Satz in der Generalverordnung konnte ihm nicht gefallenRegB. 1811, S. 4.:

4) Verstandes-Uebungen, welche immer auch zugleich Sprachübungen und mit Benuzung von Pestalozzis Buch der Mütter in Verbindung mit den Anleitungen von Rochow, Niemayer und andern vorzunehmen sind.

Eine Königliche Resolution vom 1. Februar 1812 dürfte nicht nur d’Autel unverständlich gewesen sein und wurde auch nicht weiter begründetSCHMID 1933, S. 43.:

Wir befehlen ausdrücklich, daß bei jedem Lehrplan alles, was auf die Pestalozzische Methode, welche wir nun ein für allemal in öffentlichen Instituten nicht eingeführt wissen wollen, hindeuten würde, durchaus vermieden würde.

Tatsächlich gibt es danach in der von Süskind zusammengestellten Liste keine Empfehlung mehr für ein Werk Pestalozzis oder für ein Buch, das Pestalozzi im Titel nennt. Dagegen liest man im RegBl. 1817 Nro. 44. S. 346:

Die neue Ausgabe der Pestalozzischen Werke betreffend!

Da eine neue Ausgabe von Pestalozzis sämtlichen Werken auf Subscription angekündigt ist, so werden alle Geistliche und Schullehrer auf diese neue Ausgabe der Pestalozzischen Werke hiemit aufmerksam gemacht, und denselben, besonders auch den Direktoren der bestehenden Lesegesellschaften und den Vorstehern von Lehranstalten, welche Fonds zu Bibliotheken haben, die Subscription darauf, welche bis zum Octbr. d. J. zum Vortheil Pestalozzis offen steht, um des innern Werths und der Gemeinnützigkeit dieser Schriften willen zu vorzüglicher Berücksichtigung empfohlen.

Stuttgart, den 20. Juni 1817. Auf besonderen Befehl.
Königliches Ober=Consistorium.

König Friedrich war im Oktober des vorangegangenen Jahres gestorben. Danach findet sich in den nächsten Jahren der Name Pestalozzi nicht mehr im Regierungsblatt. Wohl aber im "Schullehrer-Seminar Eßlingen", denn in den Rechnungsbüchern stehen die Anschaffungen von Pestalozzis Werken bis zum Band 15Staatsarchiv Ludwigsburg, F1/382 Schullehrer-Seminar Eßlingen..

Dies ist im Prinzip kein Widerspruch, denn zwischen Unterrichts- und Erziehungslehre sollten angehende Lehrer zu unterscheiden wissen. Peinlich kann es aber werden, wenn Lehrende und Prüfende nicht nur verschiedene Personen sind, sondern auch noch eine recht unterschiedlich ausgeprägte Pestalozzibegeisterung haben.  

Lancasters Belohnungen

Einschub: Irritationen um des Hofpredigers Name

Als ich das erste Mal auf den Namen d’Autel stieß, fragte ich mich, ob sich dahinter nicht ein Dautel versteckte und es hätte mich nicht verwundert, wenn d’Autels Vater ein Schneider Dautel von Rudersberg gewesen wäre. Eine Namensänderung wäre auch angesagt, denn ein "Dautel" ist nach schwäbischem Sprachverständnis keineswegs ein sicherer und schneller Arbeiter und es liegt lautlich nahe bei "Duttel", einer eher abwertenden Bezeichnung der weiblichen Brust oder genauer einer Brustwarze oder Zitze.

Durch heimatkundliche Forschungen kam ich in Briefkontakt mit Dr. Ernst Dautel von der Universität Nantes, der mir gerne bei diesem Problem weiter half. In seinem Brief zitierte er aus Gebhardt 1989, S. 151:

Prof. J. K. Brechenmacher schreibt in seinem Etymologischen Wörterbuch der Deutschen Familiennamen, 1. Band, Limburg a.d.Lahn 1957, Seite 280- 'Dautel, schwäb. Übername = tappiger, unentschiedener Mensch. 1655 Hans Dauttel aus Heiningen (Göppingen). Um 1800 schreibt ein vielgenannter schwäb. Schulmann Dautel unter dem eindruckschindenden Namen d'Autel.'

Hiernach wird es so hingestellt, als hätte ein Dautel seinen Namen in d'Autel geschönt. Wer war der schwäbische Schulmann? Er konnte nicht ermittelt werden, dafür aber der Oberhofprediger August Heinrich d'Autel (1779-1835) in Stuttgart, der sicherlich von Brechenmacher gemeint war.

Im Zuge dieser Forschung war es von Interesse, ob der Vorwurf der Namens«schönerung» wirklich berechtigt war, und wenn ja, wie wohl der Oberhofprediger mit den anderen Familien Dautel zusammenhing.
. . .

Es zeigte sich, daß dessen Großvater Jakob Friedrich d'Autel um 1727 als Jurist von Straßburg nach Heilbronn kam. Sein Urgroßvater Johann Martin d'Autel war Richter in Straßburg.

Die Zuordnung zu einem bestimmten Ort oder Herrenhaus ist noch nicht gelungen. Auch kann eine klare Verbindung zwischen Dautel und d’Autel (noch) nicht hergestellt werden, es gibt aber einige ansonst schwer erklärbare Zusammenhänge.

Dr. Ernst Dautel machte mich noch auf die Bedeutung des Namens aufmerksam. Damit erst wurde mir klar, warum eine Namensänderung Sinn gemacht hätte: Das französiche Wort autel ist mit Altar zu übersetzen und 'Herr Hofprediger vom Altar' macht doch etwas her.


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