2. Lehrerfortbildung

2.1. Grundsätzliches

Werner Schnatterbeck machte sich in seiner Dissertation viel Mühe mit dem Begriff LehrerfortbildungWerner SCHNATTERBECK: Amtliche Lehrerfortbildung in Baden-Wόrttemberg unter dem Anspruch erziehenden Un-terrichts; Dissertation, Pδdagogische Hochschule Karlsruhe, Bruchsal, 1992. und verwandten Begriffen. Die recht umfassende Betrachtung soll hier nicht wiedergegeben werden. Es ist aber eine berechtigte Frage, ob staatlicherseits angeratene, angebotene oder angeordnete Maßnahmen zur Bildung von bereits angestellten Lehrern zu verschiedenen Zeiten als Bildung, Berufsbildung, Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung, Nachqualifizierung oder sonstwie bezeichnet werden sollte. Da Werbung, Gesetzgebung und Verwaltung Eigenheiten bei der Benennung von Dingen und Sachverhalten zeigen, man kann damit sowohl aufblähen als auch vernebeln, geht es hier nicht darum, den geschichtlichen oder gegenwärtigen Maßnahmen einen passenden Namen zu geben. Auch sind Betrachtungen und Wertungen problematisch, inwiefern die damaligen Absichten und Maßnahmen heutigen Vorstellungen nach gewisse Bezeichnungen verdienen, da die Verhältnisse zu unterschiedlich sind und ein Vergleich deshalb eher willkürlich wäre. Sicherer ist hier, nach den verwendeten Begriffen zu suchen und die Absichten und Maßnahmen zu beschreiben.

Hilfe in beiden Anliegen leistet hier der RegistraturplanKonsistorialerlaί 1901. der Pfarrämter von 1901:

Zweite Abteilung.

Schulsachen.

1. Lehrer.

. . .

     4) Berufliche Fortbildung

        a. Konferenzen, Bezirksschulversammlung. –

        b. Aufsatz, Fortbildungskurse. –

        c. Pädagogische Lesegesellschaft (Katalog).

Der Begriff Fortbildung mit seinen Inhalten deckt sich dabei weitgehend mit seiner Verwendung im Gesetz über die VolksschulenVolksschulgesetz 1836 und RegBl. 1836, S. 506. vom 29. Sept. 1832, wobei die Abänderungen und Zusätze von 1858 und 1865 an diesem Gesetz für den nachfolgenden Artikel 46 keine Änderungen brachten.

Art. 46.

Fortbildung der Volksschullehrer.

      Der Ober=Schulbehörde liegt ob, die Fortbildung der angestellten Lehrer für ihren Beruf mit allen zweckdienlichen Mitteln zu veranlassen.

      Zu diesen Mitteln gehören insbesondere:

  1. die Anordnung von außerordentlichen Lehrkursen oder eines vollständigen Unterrichts über allgemeine Erziehungs= und Unterrichtslehre (Pädagogik und Didaktik) für Schullehrer, nach dem Bedürfniß einzelner Schulaufsichts=Bezirke;

  2. die ständige Einrichtung und Unterhaltung von Schullehrer=Conferenzen in jedem Schulaufsichts=Bezirke;

  3. die ständige Einrichtung von Lesegesellschaften für Schullehrer und Geistliche;

  4. die Zulassung einer Anzahl von Lehrgehülfen und Unterlehrern in den Schullehrer=Bildungs=Anstalten des Staats zum Behuf einer wenigstens einjährigen Wiederholung des Unterrichts, und

  5. die Preisaufgaben an Schullehrer, so wie die Verleihung von Prämien an diejenigen Lehrer, die sich in ihrer Amtsführung vor anderen auszeichnen.

      Der Aufwand für Schullehrer=Curse und Schullehrer=Conferenzen wird, mit Ausnahme der Reisekosten=Entschädigung der Schullehrer, welche von jeder Gemeinde für ihre Schullehrer zu bestreiten ist, aus der Staatskasse bezahlt.

      Die Kosten der Lesegesellschaften liegen den Theilnehmern ob. In Ansehung des Beitrags der öffentlichen Stiftungen hizu bleibt es bei den bestehenden Einrichtungen.

      Den Aufwand für Preise und Prämien übernimmt die Staatskasse.

In der Schulordnung von 1810 taucht der Begriff Fortbildung zweimal aufRegBl. 1811, S. 1-12..

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Nro. 1. 1811. 1.

Königlich=Württembergisches

Staats= und Regierungs=Blatt.

Donnerstag, 3. Jan.

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General=Verordnung, betr. das deutsche Elementar=Schulwesen in den evangelischen Orten des

Königreichs vom 26./31. Dezember 1810

Friderich, von Gottes Gnaden, König von Württemberg . . .
. . .

§. 20. Um so viel möglich auch noch die weitere Bildung der bereits angestellten Schulmeister und Provisoren zu befördern, . . . a) . . . Lehrkurse . . .

§. 21. b) Die längst befohlenen Schullehrer=Conferenzen . . .

§. 22.c) Eben so wird die bereits empfohlene Einrichtung von Diöcesen=Schullehrer=Lesegesellschaften hiemit allgemein vorgeschrieben.
. . .

§. 35. Die Sonntags = Schulen haben den Zweck, theils das, in den Elementar = Schulen Erlernte nach Uebung zu erhalten, theils die Fortbildung der erwachsenen Jugend zu befördern. Wir verordnen daher ihre allgemeine Einführung ohne Ausnahme, und wird das Weitere in Hinsicht auf ihre Einrichtung und die Lehrfächer durch die neue Schulordnung bestimmt werden.
. . .

§. 37. . . .
Dabei erwarten Wir von den Geistlichen, daß sie auch ausser den Schulbesuchen, sich der Leitung, Aufmunterung, Belehrung und Fortbildung ihrer Schullehrer, so wie bei den Kirchen=Conventen die Beförderung alles dessen, was zum Besten des Schulwesens dient, aufs eifrigste angelegen seyn lassen, und (was zur Führung der Inspection über die Schulen durchaus nothwendig ist,) sich selbst in pädagogischen Kenntnissen durch zweckmäßige Lektüre und (wo es die Umstände erlauben) selbst durch die Benuzung des Umgangs und des Unterrichts benachbarter in diesem Fache vorzüglicher Geistlichen, immer mehr zu vervollkommnen bedacht seyn werden.

Erstmals findet man den Begriff im § 35 bei der Sonntagsschule. Hilfreich zur Klärung des damaligen Verständnisses des Begriffs ist hier die Abtrennung der Fortbildung von der Erhaltung des Erlernten durch Übung. Nicht verwunderlich, aber bemerkenswert ist die allgemeine Anordnung dieser Maßnahme.

Für die Schullehrer findet sich der Begriff Fortbildung erst bei den Aufgaben der die Schulaufsicht führenden Geistlichen im § 37. Die Aufzählung der eigentlichen Fortbildungsmaßnahmen in den §§ 20-22 wird durch den Begriff "weitere Bildung" eingeleitet. Einen Überblick gibt nachfolgende Zusammenstellung.

Untergliederung der Lehrerfortbildung
 

1810
1836, 1858, 1865
1901
weitere Bildung der bereits angestellten Schulmeister und Provisoren Fortbildung der Volksschullehrer Lehrer. 

Berufliche Fortbildung

Schullehrer=Conferenzen Schullehrer=Conferenzen Konferenzen
    Bezirksschulversammlung
    Aufsatz
Lehrkurse Lehrkurse Fortbildungskurse
  Preisaufgaben  
  Schullehrer=Bildungs=Anstalten  
Diöcesen=Schullehrer=Lesegesellschaft Lesegesellschaften für Schullehrer Pädagogische Lesegesellschaft

Durchgehend genannt werden

Preisaufgaben fehlen in der Schulordnung von 1810, sie wurden aber bereits im Herzogtum ausgeschrieben und prämiert. Schullehrer-Bildungs-Anstalten waren 1810 für die Ausbildung vorgesehen und hinterließen später im Pfarrarchiv kaum Spuren. Die 1808 "in Heilbronn errichteten Bildungs=Anstalten"RegBl. 1808, S. 629. unter dem Schulinspektor Zeller muß man aus historischer Sicht eher als Lehrkurs einordnen. Bezirksschulversammlungen wurden erst 1865 durch einen KonsistorialerlassSCHMID 1933, S. 422. eingeführt. Aufsätze waren im hier betrachteten Zeitraum Teil der Schullehrerkonferenzen und kein eigenständiger Teil der Fortbildung, aber auch Preisaufgaben waren als Aufsätze abzuliefern.

In Verordnungen aus herzoglichen Zeiten konnte ich die Verwendung des Begriffes "Fortbildung" oder eines inhaltlich ähnlichen nicht feststellen. Dies ist insofern von Belang, denn ich vermute die Existenz eines Rumpelstilzchen-Effekts: Mit der Kenntnis und Verwendung eines Namens oder Begriffes erlangen wir Macht über die benannte Person oder Sache. Unterschiedliche Sachverhalte sprachlich zu trennen und treffend zu bezeichnen, ist Voraussetzung für differenziertes Denken. Im Jahr 1778 fehlten aber nicht nur gewisse Begriffe, sondern es waren auch einige wesentliche Sachverhalte nicht bekannt, denn es erging die

Synodal=Concl. vom 7.Decembr. 1778.
. . .

1.) Soll man das Rechnen als etwas nothwendiges in allen Schulen, sowol bei Knaben als Mägdlein, bestens in Gang zu bringen sich ernstlich angelegen sein lassen, . . .HARTMANN 1798, S. 438.

ohne sich davon zu überzeugen, dass die Schulmeister dies bereits können und auch zu einem Unterricht darüber in der Lage sind. Spätestens 1787 war dieses Problem teilweise erkannt, nicht aber gelöst:
Insbesondere werden auch diejenigen Schul=Lehrer, welche selbst noch in den nöthigen Kenntnissen, wie besonders vom Rechnen und Schreiben, zu Unserem billigen Befremden, mehrfältig vorgekommen, zuruk sind, und welche doch noch in einem solchen Alter stehen, wo sie selbst noch zu lernen im Stand sind, eben so wohlmeinend als ernstlich erinnert, durch Anschaffung der gedrukten Vorschriften, und im Rechnen, durch die vorhandene so viele Rechenbücher, wohin z. E. die Schmalzriedische beederley Rechenbücher, je nach dem Unterschied der Schüler gehören, und auf andere Weise sich mehrers zu habilitiren; . . HARTMANN 1798, S.485f.
.Die empfohlenen Bücher waren gut oder die Empfehlung wirksam, denn das Werk erschien in mehreren Auflagenhttp://www.ubka.uni-karlsruhe.de:
Johann Georg Schmalzried: Vollständige Anleitung zur Reesischen Rechnung. 5. und verb. Aufl., verm. mit einer deutlichen Darstellung. - Stuttgardt : Metzler, 1803. 580 S.; (dt.)
.Sowie auch noch einmal 1807 und 1819.

Dekane und Pfarrer sollten bei der Auswahl der Bücher beraten. Die Regelung der Finanzierung blieb offen. Zwar verwies man im Schlusssatz auf "Schüler, welche vermögliche Eltern haben", ich verstehe den Satz aber so, dass die Schüler Druckwerke für sich anschaffen sollten und nicht für den Lehrer. Man kann aber Botschaften mit Sätzen befördern, welche eigentlich einen anderen Sinn ergeben.

Außer der Finanzierung gab es aber noch andere Probleme mit der Literatur. In Gabriel Ternes "Der wohl=informierte Dorff=Schulmeister und Catechet" von 1725 findet sich eine Liste mit dem Literaturbestand des Verfassers zum ThemaTERNE 1725, S. 15..

  • Lockius et Educatione puerorum.
  • M. Behrnauer vom Budißinischen Gymnasio, und wie die Jugend in disciplina & doctrina angeführet werde. Budiß. Ao. 1722
  • Die offenbahren Fehler der heutigen verderbten Welt an Universitäten und Gymnasiis. 1703. in der 1. Betrachtung.
  • Nützliche und nöthige Anweisung zu wohlanständigen Sitten. Hall im Waisenhaus. 1721.
  • Friedels gründliche Anleitung zur Christlichen Kinder=Zucht, Leipzig 1723.
  • Der gute Schulmann, Leipzig 1695.
  • Krausens kurze und deutliche Anweisung zu nöthiger und nützlicher Auferzieh= und Unterrichtung der Jugend, Budiß. 1718.
  • Der wohl=eingerichtete Schul=bau, Stendal 1711.
  • Mitternachts Paedia Lips. 1657.
  • M. Küttners Catech. zu S. Petri in Leipzig, Klugheit, einen Informatorem zu halten, Leipzig, Ao. 1724.
  • M. Baudewins Eltern und KinderSeelenRettung, Franckf. 1671.
  • M. Hoffmanns Neu=Jahrs=Geschenck an die Jugend zu Lauban. Laub. 1699.
  • M. Weisens Schol.Chemn.Con.Rect. Gutachten von Schul=Sachen. Chemn. 1718.
Lehrerliteratur 1725
 
 Nicht alle Titel lassen sich einem Buch eindeutig zuordnen, welches in einer Bibliothek lagert, dessen Bestand über das Internet abfragbar ist, aber die meisten. Mit diesen zusätzlichen Informationen lassen sich folgende Bedenken benennen:

Aus den Jahreszahlen obiger Literaturliste läßt sich erkennen, dass es bereits im 17. und 18. Jahrhundert möglich war, "durch Lesung guter pädagogischer Schriften, und durch eigenes Nachdenken"General=Synodal=Rescript vom 1. Febr. 1798. In: REUCHLIN 1809, S. 79. sich als Lehrer selbst zu verbessern. Als Aufgabe der Obrigkeit wurde dies in Württemberg aber erst im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhundert "gnädigst verordnet". Die staatliche Ausgestaltung der Lehreraus- und fortbildung in diesen Jahren und besonders den folgenden Jahren, war keine württembergische Eigenentwicklung, wird aber in weiten Teilen nachfolgend in regional begrenztem Rahmen abgehandelt. Auch das "Blickfeld" erfährt insofern eine Beschränkung, als es weniger um die Absichten der Mächtigen oder die Einsichten der Geistesgrößen geht, sondern um die Vorgänge an der Schnittstelle Lehrer/Lehrerfortbildner bzw. Lehrer/Schulaufsicht. Pietismus und Aufklärung bilden dabei durchaus wirksame Momente, sind aber nicht das abzuhandelnde Thema; ebensowenig wie das Ringen um Erhalt oder Überwindung des Ständestaats.

Bei der Verwendung des Begriffs Fortbildung bleibt dabei ein gewisser Zwiespalt, den bereits MaierMAIER 1948, S. 545. treffend gekennzeichnet hat:

"Auf die Berufsausbildung wurde eine planmäßige amtliche Fortbildung aufgesetzt, die die Mängel der ersteren ergänzen sollte, so dass sie nicht als eigentliche Fortbildung angesehen werden kann."

Dies schließt die Verwendung aber nicht aus, wie Maier dies selbst vorführt. Man stößt damit aber von der Begriffsbetrachtung her zu den Inhalten. Lehrerfortbildung ist einerseits ein Teilgebiet der beruflichen Fortbildung und als solches wiederum ein Teilgebiet der Erwachsenenbildung. Eine gewisse Besonderheit erhält es dadurch, dass es sich um die Bildung von Ausbildern handelt.

Die allgemeine Schulpflicht folgte in unserem Kulturkreis der Reformation, so dass frühere Ansichten, Einsichten und Entwicklungen hier nicht eingehend betrachtet werden müssen. Wenn Martin Luther aus den Schriften des Paulus schließt, dass allein die Gnade Gottes den Menschen erlöst, nicht aber des Menschen Werke, so bedarf es eigentlich keiner weiteren Bildungsbemühungen, denn sie "werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist."Rφm. 3, 24. Eigene Bemühungen sind hier sogar fragwürdig: "Ist's aber aus Gnade, so ist's nicht aus Verdienst der Werke; sonst wäre Gnade nicht Gnade."Rφm. 11, 6. Doch ganz voraussetzungslos ist auch diese Gnade nicht, denn sie bedarf des Glaubens: "Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit."Rφm. 4, 5. Der Glauben wiederum kommt vom Wort Christi: "So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi."Rφm. 10, 17. Auf kurzem Wege kommt man somit durch die Bibel zum Glauben und da es einfacher ist, wenn einer oder wenige die Bibel übersetzen, statt dass ein ganzes Volk Latein lernt, so wurde dies von Luther vollbracht. Damit nahm er dem Christentum die Faszination einer Geheimlehre und Lesen wurde zur Christenpflicht. Die in der Folge eingerichteten Schulen wurden damit aber noch keine Bildungseinrichtungen, da die Gestaltung der Schulstunden dies selten erkennen läßt. Leichter sichtbar wird ein Vorgehen nach dem folgenden Prinzip: Man muß die Kinder durch Beschäftigung von der Sünde fern halten. Wer Choräle singt, kann nicht gleichzeitig fluchen. Wer fromme Sprüche vorliest, kann nicht gleichzeitig Zaubersprüche aufsagen. Wer sich im Schulzimmer aufhält, kann nicht in den Gärten Beeren stehlen. Man wird solche Prinzipien kaum in alten oder neuen Schulordnungen finden, gänzlich frei davon sind wir aber auch heute noch nicht.

Völlig abgeschlossen ist auch nicht die Diskussion um die prinzipiellen und graduellen Möglichkeiten der Erziehung und Bildung. Mancher glaubt mit der richtigen Methode jedem alles beibringen zu können. So etwa Wolfgang Ratke (Ratichius, 1571-1635) der 1612 an den Reichstag ein Memorial richtete, in dem er erklärteNIEDEN 1908, S. 49.

Wie die hebräische, griechische, lateinische und andere Sprachen mehr in gar kurzer Zeit sowohl bei Alten als Jungen leichtlich zu erlernen und fortzupflanzen seien.

Auch in der hier näher betrachteten Zeit findet man BeispieleSCHMID 1877, S. 870.:

Ludwig Heinrich Ferdinand Olivier: Ortho-epo-graphisches Elementarwerk, oder: Lehrbuch über die in jeder Sprache anwendbare Kunst rechtsprechen, lesen und rechtschreiben zu lehren. I. (Theor.) Theil. Dessau 1804. II. (Prakt.) Theil. Dessau 1806.

Oder vom gleichen Autor, noch marktschreierischer formuliert:

Ludwig H Olivier: Die Kunst, lesen und recht schreiben zu lehren auf ihr einzig wahres, höchst einfaches und untrügliches Grundprincip zurückgeführt u. s. w. Dessau 1801.

Möglichkeit und Notwendigkeit von Erziehung und Ausbildung wird auch durch Jean-Jacques Rousseau im Prinzip anerkannt. Seine Haltung weicht aber von Ratke und Olivier insofern ab, als er darunter wenigstens phasenweise einen sich selbst verwirklichenden Ablauf versteht. Der Erzieher hat weniger etwas zu bewirken, als vielmehr etwas zu verhindern, nämlich die Störung dieses Vorgangs, er hat "nichts zu tun und zu verhindern, dass etwas getan werde"MΔRZ 1998, S. 330. und für den zu erziehenden Menschen gilt, "dass ihn keine Autorität außer der seiner eigenen Vernunft beherrscht."MΔRZ 1998, S. 332.

Von der gerade vorherrschenden, allgemeinen Ansicht zu Erziehung und Ausbildung hängen natürlich auch die Ansichten zur Lehrerfortbildung ab. Ansichten zu Möglichkeit und Notwendigkeit bewegten sich hier in ähnlichen Grenzen wie die allgemeinen Ansichten von Ratke bis Rousseau und sie haben immer noch einen beträchtlichen Spielraum, wenn man sich an Skinners LehrprogrammeCORRELL 1970. und an Neills wohl nicht von allen richtig verstandene antiautoritäre ErziehungNEILL 1969. erinnert. Dies sind nicht allerneueste Entwicklungen, aber mit dem Abstand von einer Generation relativiert sich der Wert mancher Hoffnung und Versprechen.

Lehrerfortbildung macht aber nicht nur Sinn als Maßnahme zur Behebung von Ausbildungsmängeln oder zur Hebung und Aktualisierung der Professionalität. Die Funktion von Lehrerfortbildung sollte auch unter Gesichtspunkten betrachtet werden, wie dies Günter Hartfiel für "die gesellschaftlichen Funktionen von Schule"HARTFIEL 1981, S. 54f. getan hat. Er unterscheidet dort

Der Schulmeister war in seiner Dorfschule gegenüber seinen Kollegen eher isoliert. Die Minderung dieser Isolierung kann den einzelnen Lehrer insofern handlungsfähiger machen, indem er die Erfahrungen der Kollegen nutzen kann und bei Hemmnissen im eigenen Schulbetrieb leichter und sicherer unterscheiden lernt, wie weit dies sachliche oder persönliche Probleme sind, eigene oder fremde. Dieser hilfreiche Umgang mit den Kollegen ist aber nicht zwangsläufig hilfreich, sondern ein sich entwickelnder Prozess. Sozialisation eines Lehrers findet zwar eher im Klassenzimmer statt, doch der Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten kann hier hilfreich sein.

Eine echte und positive Selektion war in der Lehrerfortbildung in ihren Anfängen eng begrenzt, da es durch die geistliche Schulaufsicht dahin keinen Bewährungsaufstieg gab. Die General-Verordnung von 1810RegBl. 1811, S. 6. unterschied in § 25 drei Klassen für Lehrer und das Volksschulgesetz von 1836RegBl. 1836, S. 500. unterschied im Art. 27 "Hauptlehrer (Schulmeister), oder Unterlehrer oder Lehrgehülfen." Das eigentliche Selektionsinstrument waren Prüfungen und Visitationen, die Lehrerfortbildung konnte nur unterstützend eingesetzt werden.

Noch eingeschränkter war damals die Allokationsfunktion, da der Schulmeister vor Ort in dieser Eigenschaft allein war und eine lokale oder regionale Spezialisierung nicht gebraucht wurde. Lediglich bei den mehr gegliederten Stadtschulen war Sorge zu treffen, dass der richtige Mann auf den richtigen Platz kam.

Über die ganze Diskussion über Lehrmethoden, Stoffpläne oder Erziehungsprobleme gerät allzuleicht die Legitimationsfunktion aus dem Blickfeld. Man berät beispielsweise so lange darüber, wie ein Thema zu behandeln ist, dass man nicht mehr dazu kommt und nicht einmal mehr auf die Idee kommt, zu prüfen, ob dieses Thema überhaupt zu behandeln ist. Die nachfolgenden Bemerkungen von Hartfiel zur Legitimationsfunktion zeigen auch auf, dass es nicht nur um die Herstellung und Erhaltung der Legitimität geht, sondern auch wesentlich um die Darstellung des eigenen Handelns. Dies muß nicht zwingend legitim sein, es sollte aber jedem so erscheinen.

Jede gesellschaftliche Struktur ist bis zu einem gewissen Grade ein integriertes System von aufeinander bezogenen Werten, Normen, Positionen und Organisationen; ist eine traditionell gewachsene oder durch rationale Entscheidung zustande gekommene spezifische Ordnung; schließt andere Ordnungsmöglichkeiten aus. Dieser Integrationszustand wird durch Herrschaftsverhältnisse aufrechterhalten, die verschiedene Methoden sozialer Kontrolle umfassen. Um solche Kontrolle und potentielle Entscheidungswahrscheinlichkeiten zugunsten anderer Ordnungen minimal zu halten, muß Gesellschaft ihre Mitglieder von den Funktionsvorzügen und Vorteilen der gerade durchgesetzten Ordnung zu überzeugen versuchen. Zu diesem Zweck haben ihre Bildungseinrichtungen eine Legitimationsfunktion zu erfüllen.HARTFIEL 1981, S. 56/57.
 
Die Predigt als Legitimationsakt

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