0. Einleitung


0.1. "Wie eine Katze ohne Kopf"

Als im Jahr 1995 die Evangelische Kirchengemeinde in Freudental ihre Kirche nach einer Renovierung mit einem Festgottesdienst wiedereröffnete, wurden nicht allein Bibeltexte und Gebete gesprochen sowie Kirchenlieder gesungen. Pfarrer Andreas Kaiser legte Wert darauf, dass man sich auch auf die Geschichte des Bauwerks, seiner Einrichtung und der Ortschaft besann, wobei sich etliche Bezüge zur württembergischen, zur deutschen und gar zur abendländischen Geschichte aufzeigen ließen. Zwar verfügte der Pfarrer über solide allgemeine Geschichtskenntnisse und zeichnete sich durch ein reges Interesse an regionalen und lokalen Ereignissen aus, bei der Suche in Archiven und Bibliotheken und vor allem bei der Entzifferung alter Urkunden nahm er jedoch gerne meine Hilfe in Anspruch. Er hatte mich darum gebeten, weil ich mir bei der Erforschung meines Stammbaumes hier nützliche Kenntnisse und Fertigkeiten erworben hatte.

In Sachen Freudentaler Kirchengeschichte gelangt man schnell und zwangsläufig zu Georg Christian Seubert, welcher von 1811 bis 1822 Pfarrer in Freudental war, eine allgemeine Ortsgeschichte erarbeitete und die örtliche Schulgeschichte seiner Zeit in Freudental niederschrieb. Seubert hebt sich von den hiesigen Ortspfarrern auch dadurch ab, dass er später Prälat in Stuttgart wurde und kurz vor seinem Tode noch Generalsuperintendent von Tübingen. So gab ich mich mit der 33seitigen Lebensgeschichte SeubertsPlieninger 1836 nicht zufrieden, sondern nahm auch Einsicht in seine PersonalakteLandeskirchliches Archiv. Diese etwas dickere Akte verwunderte mich beim Empfang, denn nach seiner Lebensgeschichte allein würde ein Viertel des Umfanges reichen. Den Großteil des zusätzlichen Umfangs bewirken die "Differenzen zwischen Georg Christian Seubert, Pfarrer in Freudental und den Schulmeistern Moll in Besigheim und Mayer in Walheim 1821". Blatt 1 gab bereits einen guten Überblick über die "Differenzen".

Dem Königlichen Hochwürdigen Decanatsamte                            ad 1

Mit 1. Beilage.

wagen die Unterzeichneten folgende Beschwerde und Bitte gehorsamst vorzutragen.

Für die - am 13. Sept. d. J. gehaltene Plenar=SchullehrerConferenz, wozu von den Schulmeistern und ihren Gehülfen des hiesigen DecanatsAmtsBezirks eine Disposition über das Lied: Wie eingeschränkt ist alles Wissen . . . dem Herrn SchullehrerConferenz=Director Seubert, Pfarrer in Freudenthal, den 20.ten August eingeschickt werden sollte, verspäteten sich unsere Vorbereitungen, so, daß die des Schulmeister Molls erst am 1. Sept. und die des Schulmeister Maiers in Wahlheim den 3. Sept. bei dem Herrn Director eintrafen. Der Umstand, daß die Conferenz selbst um 8. Tage verschoben wurde, ließ uns bei unsren vielen Geschäften, denen wir uns unterziehen müssen, theils um unsre Existenz zu führen, theils, was besonders in Besigheim der Fall ist, um die Anforderungen des Publikums zu befriedigen, eine Behandlung der Art, wie sie mir am Tage der Conferenz vom Herrn SchulConferenz Director in Gegenwart aller Schulmeister und Provisoren des hiesigen DecanatsAmtsBezirks erfahren mußten, nicht befürchten.

Allein! am Tage der Conferenz, als wir Entschuldigungsgründe wegen der verspäteten Einsendung unserer Ausarbeitungen, die Maier in einem Schreiben mit dem Aufsatze dem Herrn Director noch besonders angegeben hatte, vorbringen wollten, wurden wir nicht gehört, sondern als pflichtlose Menschen dargestellt, und uns noch im Namen des Consistoriums ein derber Verweis mit der Verführung gegeben, daß unsere Pflichtlosigkeit besonders der höchsten Behörde berichtet werden werde.

Noch nicht zufrieden damit, der Herr ConferenzDirector ließ uns noch vor seinen Tisch hintreten, gab uns unsere Ausarbeitungen, ohne sie der Durchsicht zu würdigen, mit einem Querstriche, der über jede derselben hingezogen war, versehen, jedem einzeln zurück.

Einige Provisoren, die ein gleiches Verbrechen wie die gehors. Unterzeichneten begangen hatten, wurden sogar mit Schimpfnamen (Mädchensfüßler) belegt, als Ignoranten dargestellt etc.

Wenn hiebei erwogen wird, daß dem Schulmeister Maier von Wahlheim bei einer früheren Conferenz ein Aufsatz, der in Abschrift hier angebogen ist, mit einer Katze ohne Kopf verglichen wurde; daß wir, die beiden Unterzeichneten noch nie eine Ausarbeitung schuldig geblieben sind, und noch nie eine Conferenz versäumt haben; daß wir aus Eifer für die Sache, ihren guten Zweck wir gar nicht mißkennen, bei ganz schlechter Witterung in einem Zeitraum von 10 Jahren schon 2.mal auf eigene Kosten zur Conferenz gefahren sind; daß wir wegen guter Arbeiten schon von der höchsten Behörde belobt worden sind; daß wir uns stets das Zutrauen der Vorgesetzten zu erwerben suchten, und namentlich Schulmeister Moll in seiner zuletzt begleiteten Stelle im Königl. Waisenhause zu Ludwigsburg sprechende Beweise der Achtung und Zufriedenheit derselben erhalten hatte etc. so Muß eine Behandlung der Art doppelt niederschlagend für uns seyn, und uns sowohl in Absicht auf dieses Institut als auch die Schule höchst muthlos machen.

Hätte neben diesen Umständen Herr ConferenzDirector Seubert, Pfarrer zu Freudenthal ferner bedacht, daß Schulmeister Maier von Wahlheim um seine Familie anständig zu ernähren, das ganze Jahr hindurch in hiesiger Stadtschreiberei nach zurückgelegten Schulstunden bis Abends 8. Uhr arbeitet; und daß Schulmeister Moll von hier schon seit seynes Hierseyns täglich 12. Stunden Unterricht geben muß und gibt, theils aus dem nämlichen Grunde wie Schulmeister Maier, theils aber auch um das hiesige Publikum zu befriedigen, wozu folgendes factum als Beleg dienen kann: Wegen überladener Geschäfte wollte ich keine neuen Privatschüler mehr annehmen. Herr Postverwalter Nothwang hatte ein 3.tes Töchterlein, das von mir in den Musikunterricht aufgenommen werden sollte. Auf mein - wegen obigen Grundes wiederholtes Weigern - entgegnete mir Herr Nothwang, daß er durch dieses genöthigt seye, seine Tochter nach Pforzheim zu Verwandten zu thun, und ich ihn um die nicht bedeutenden Ausgabe bringe, die ihm dadurch verursacht würde. Was sollte ich anders thun, als mich zum Unterricht hergeben? und ich that es auch und ertheile seit dieser Zeit nun Musikunterricht nach Viertelstunden; hätte Herr Conferenz-Director Seubert all dieses und noch weiter bedacht, wie durch meine seit etlichen Jahren eingetretenen Unterleibs= und die damit verbundenen Kopf= und Brustbeschwerden mir mein täglich zugemessenes Geschäft oft so erschwert wird, welche Umstände alle dem Herrn Conferenz-Director Seubert wohl bekannt sind, so hätte eine solche beinahe sklavische Behandlung nicht erfolgen können und sollen.

Die Unterzeichneten wagen daher an Ew. Hochwürden die gehorsamste Bitte, die Einleitung gütigst so zu treffen, daß sie

1) entweder von schriftlichen Ausarbeitungen für immer, oder wenigstens auf einige Zeit freigesprochen oder

2) in den untern ConferenzDistrikt, der in Laufen seinen Vereinigungspunkt unter dem Directorium des Helfers Kleinmanns von Bönnigheim hat, versetzt werden.

In zuversichtlicher Erwartung, daß Ew. Hochwürden die angegebene Beschwerde und Bitte gerecht finden und letzterer entsprechen werden, verharren die gehorsamsten Unterzeichneten in größter Hochachtung

                                                                               Euer Hochwürden

Besigheim, den 27. Decbr. 1820                           treu gehorsamste

                                                                               J. Elias Moll, Schulmeister in Besigheim

                                                                               Johann Wilhem Mayer, Schulmeister in Wahlheim


Begriffe, Ausdrucksformen und Rechtschreibung lassen nach wenigen Worten den merklichen zeitlichen Abstand zu diesem Geschehen erkennen. Die Problematik selbst ist weit weniger fern oder gar fremd:

Oder fühlten sich die Schulmeister eigentlich anderweitig beschwert? Das Problem "Katze ohne Kopf" wurde nicht umgehend gelöst. Der Besigheimer Dekan Georg David Reuß forderte vom Schulkonferenzdirektor Pfarrer Seubert eine Stellungsnahme an. Seuberts Einlassungen, "Verantwortung" genannt, erreichten den mehr als dreifachen Umfang der Beschwerdeschrift. Dem Bild seiner Handschrift nach hat er dafür aber weit weniger Zeit aufgewendet als die beiden Schulmeister. Der Dekan fasste beide Schreiben in einem Bericht an das Konsistorium zusammen und fügte die Schreiben und Anlagen der Schulmeister und des Pfarrers bei. Sein Bericht hat den doppelten Umfang der Beschwerde, ist sauber gegliedert, zwar wohl abgewogen, aber mit merklichem Verständnis für die Schulmeister. Die Antwort des Konsistoriums ist im Vergleich dazu ausgesprochen knapp gehalten.

Dem königlichen DecanatsAmt Besigheim gibt man auf seinen Bericht vom 31. vorigen Monats zu erkennen, daß man aus den vorgelegten Acten sich überzeugt hat, wie die beiden Schullehrer Molt zu Besigheim und Meier zu Walheim, da sie einer vom vorgesetzten Schulconferenzdirector gegebenen Bestimmung nicht gebührend Folge geleistet, allerdings eine Zurechtweisung verschuldet hatten, und wenn man gleich wünschen möge, daß der Conferenzdirector Seubert diese Zurechtweisung, als die erste dieser Art nicht glücklich auf die sonstigen guten Prädikate dieser Lehrer schonender ertheilt hätte, so kann man dennoch in dem erteilten Verweise keinen Klagegrund dieser Schullehrer gegen den ihnen vorgesetzten Conferenzdirector - dem sie für seine uneigennützigen Bemühungen um ihre weitere Ausbildung zum Danke verpflichtet sind, und noch weniger einen hinreichenden Grund zu den vorgelegten Bitten um Dispensation von den schriftlichen Ausarbeitungen, sowie um Einreihung in einen anderen Schullehrerconferenzdistrict erkennen.
Es sind deshalb die beiden Schullehrer mit ihren unstatthaften Bitten abzuweisen, sie über ihr Verhältniß zum Conferenzdirector zu belehren; ihnen für die Zukunft genauere Beobachtung seiner Vorschriften zu empfehlen, und ihnen zu bedeuten, wie es ihre Angelegenheit seyn sollte, des Conferenzdirector Liebe und Achtung sich durch Fleiß und Eifer in Ausarbeitung der ihnen vorgelegten Aufgaben zu erwerben und dadurch dieses wohlthätige Mittel zu ihrer weiteren Ausbildung an sich selbst wirksamer zu machen, dem Schulconferenzdirector Seubert aber ist eine Abschrift dieses Decrets mitzutheilen.

d'Autel

Vom Mitgefühl des Dekans für die Schulmeister ist beim Ober=Consistorialrath, Feldprobst und Ober=HofpredigerWürtt. Staatshandbuch von 1824 August Heinrich d’Autel wenig zu spüren. Er macht es aber auch dem Pfarrer und Schulkonferenzdirektor nicht recht, denn Seubert fertigt ein weiteres Schreiben an und fasst in einer abschließenden Bitte zusammen:

Daß die beiden Schulmeister Mayer zu Walheim und Moll zu Besigheim wegen boshafter Verleumdung zur Abbitte gnädigst angehalten oder sonst auf eine meiner Ehre und amtlichen Wirksamkeit angemessenen Weise bestraft werden möchten.

Da die Schulmeister wohl wankten, aber im Prinzip nicht einlenkten, wurde in Besigheim eine Untersuchung durchgeführt, wobei Zeugen gehört wurden, weitere schriftliche Aussagen vorlagen und alles sauber protokolliert wurde. Ist der Anlaß aus heutiger Sicht eher nichtig und fast schon lächerlich, so kann man aus den Schreiben Informationen über Zustände und Befindlichkeiten gewinnen, welche sonst so nicht mehr vorhanden sind. Es geht nicht um pauschale Vorwürfe oder pure Polemik wie sie von Pfarrern und Schulmeistern dieser Zeit bisweilen publiziert wurden, sondern um konkrete Vorgänge. Aus Darstellung und Gegendarstellung ergibt sich eine gewisse Ausgewogenheit und damit die Grundlage für eine wissenschaftliche Bearbeitung der eigentlichen Problematik des aufgezeigten Konfliktes. War es nicht der Konferenzaufsatz des Schulmeisters, sondern eher die staatliche Lehrerfortbildung die bereits in ihren Anfängen das Prädikat "Katze ohne Kopf" verdient hätte?

 

0.2. Quellensuche

Meine Suche nach weiteren Unterlagen zum oben aufgezeigten Vorgang wurde zunächst einschneidend gehemmt, da die Alt-Bestände des Besigheimer Dekanats wegen Nässe und Schimmelbefall nicht benutzt werden konnten. In den letzten Jahren wurden die Alt-Bestände etlicher Dekanate der Evangelischen Landeskirche in Württemberg im Landeskirchlichen Archiv beim Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart zentral gelagert, bei Bedarf behandelt und teilweise neu erfasst. Damit vervielfachte sich die Anzahl der zugänglichen Dokumente und die Durchsicht vereinfachte sich wesentlich, war eine fachkundige Beratung gesichert, konnten neben den Dokumenten auch die Bestände der Bibliothek des Evangelischen Oberkirchenrates genutzt werden und waren Kopien kurzfristig und in guter Qualität verfügbar.

Als gewählter Vorsitzender des Kirchengemeinderates hatte ich auch leichten Zugriff zu den Archivbeständen des Pfarramtes der Evangelischen Kirchengemeinde in Freudental und in Pfarrer Andreas Kaiser einen interessierten und kundigen Gesprächspartner.


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