1. Vom Schulmeister zum Schullehrer

1.1. Eine zeitgemäße Beschreibung

Der Konferenzdirektor Pfarrer Seubert fand auch andere Worte über Lehrer. Im Anschluß an das Protokoll einer Schullehrerkonferenz findet sich folgender Text von ihmLandeskirchliches Archiv, Dekanat Besigheim

Zur ersten Conferenz des Jahres 1818

Welches sind die eigenthümlichen Leiden und Freuden des Schullehrerstandes?

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Hier sey der Ort wo ich dem Besten Schullehrer, den ich genauer kennen lernte, ein Freudendenkmal seze das seines Zweks um so weniger verfehlen wird, da der Gepriesene nicht mehr unter den Lebenden ist.

Johann Georg Bökle, Filialschulmeister, Leinenweber, Hechler, und Krautschneider zu Afstätt bei Herrenberg war vom Glüke nicht namhaft mit äußeren Gütern gesegnet, er besaß ein geringes Vermögen, war kränklich, von ehelichen Verhältnißen gedrükt, hatte 5 Kinder, worunter einen Krippel, er hatte keine Amtswohnung, und einen Gehalt von 40 fl.

Sein äußers war etwas bisarr, steif, altmodisch, fast lächerlich. Er war nicht zum Schulfach bestimmt gewesen, und hatte sich ganz selbst gebildet. Ob er gleich seine Weberei, Hechlerei und Krautschneiderei mit vielem Eifer trieb, so war doch sein Durst nach Wissenschaften so groß, daß er manche Stunden am Schlaf abbrach, um zu lesen. Und wie las er? Er nahm den Geist des Buches ganz in sich auf; und wie freute er sich kindlich, als ich seine edle Wißbegierde nährte, ihm Bücher lieh, mit ihm über den Inhalt sprach, ihm sagte, was Idee, Problem, analisch \ seye! - Aber seine Schule, und ihn darin mußte man sehen, Schulstube und Schüler waren blank und nett; stiller Frohsinn herrschte, alles war thätig und eifrig, aber ohne Verwirrung und Ramor. Und der Lehrer! ich wußte nicht, sollte ich mehr seine Geschiklichkeit oder seine Liebe und Gedult bewundern. Ich sah ihn nie zornig: ein spannlanges Stäbchen, blos der Formalität wegen, lag auf seinem Tisch; er gebrauchte es nicht. Außer einer schwarzen Tafel hatte er keine Lehrmittel; ein Mann wie er kann sie entbehren. Halbsimpel hat er zu Menschen gebildet und menschlich sprechen gelehrt. Ich schäme mich nicht zu bekennen, daß ich von diesem Filialschulmeister und Krautschneider manches gelernt habe. Schüler wie die seinigen habe ich nie mehr gesehen. Ein Geist der Ordnung und Ruhe hatte die ganze Gemeine besänftigt; Menschlicher Sinn leuchtete jedem Bewohner des Dorfes von der Stirn. Das hatte ein Krautschneider bewirkt, bei einem Gehalt von 40 fl. bewirkt. Und nie hörte ich eine Klage von diesem Manne. Er glaubte, daß man ihn als unbescheiden zurükweisen werde, als ich ihm eine Bitte um Zulage, die ich ohne sein Begehren für ihn gemacht hatte, unterschreiben ließ.

Er wußte selbst nicht, was an ihm war; aber seine Schüler hingen an ihm. Die Gemeinde verehrte ihn mit mir. Verspottet vielleicht wegen seinen 40 fl. und des Kammes, den er im Haar trug - haben ihn meines Wissens, nur - einige seiner Amtsgenossen. So war der Filialschulmeister Johann Georg Bökle zu Afstätt bei Herrenberg. Betrachtet mit Ehrfurcht dieß Bild, Freunde! es kann euch beschämen, ermuntern, stärken.

Wer dies ließt, wird mit mir das Andenken des Edlen ehren.

Diese Blume auf dein Grab, du treuer Knecht des Herrn!

Pfarrer zu Freudenthal
M. Seubert
Schul=Conf.Director.
Seubert war 1805 als Pfarramtsgehilfe nach Kuppingen bei Herrenberg gekommen. Plieninger schreibt dazu, Kuppingen mit seinen Filialen Oberjesingen und Affstätt wurde wegen des "trotzigen Geistes" seiner Bewohner nur "die kleine Türkei" genanntPLIENINGER 1836, S. 14..

Bis zum Tode des kränklichen Pfarrers Hartmann im März 1810 schaffte der junge Pfarrer Ordnung in der Gemeinde und erwarb sich damit Anerkennung und Zuneigung, da er nicht allein Mängel erkannte und benannte, sondern auch über Ursache und Abhilfe nachdachte und nachforschte, Pläne erstellte, sie besprach und diese auch mit Eifer und Ausdauer ins Werk setzte.

Seuberts Freudendenkmal und die Beschwerdeschrift der Schulmeister Moll und Mayer bieten Gesichtspunkte, die sich verallgemeinern lassen.
 

1.2. Des Schulmeisters Bildung, Ausbildung und Prüfungen

1.2.1. In den Zeiten des württembergischen Herzogtums

Zum Jahrhundertjubiläum erstellen viele Gemeinden ein Heimatbuch. Wobei oft, aber nicht immer, im historischen Teil auch die Schulgeschichte behandelt wirdLORENZ 1992, S. 204.

"Die Lehrer waren zumeist ungelernte Leute und erhielten eine so geringe Besoldung, dass sie sich mit Nebentätigkeiten über Wasser halten mußten. Johannes Gaiser, den die eigene unzulängliche Schulzeit nicht abgeschreckt hatte, selbst Lehrer zu werden, mußte nach seiner Gehilfenzeit in Baiersbronn lediglich eine Prüfung vor dem Konsistorium in Stuttgart machen. Das war die ganze Ausbildung. Anschließend erhielt er seine erste Schulmeisterstelle in Schwarzenberg für etwa 100 Gulden. Durch Nebenämter als Orgelspieler, Mesner, Hochzeits- und Leichenbitter sowie als Totengräber verdiente er sich sein Zubrot. Zu derselben Zeit erhielt der Verwalter der Schönmünzacher Glashütte einen Lohn von 300 Gulden."

In der Kürze kann man dies als zutreffend stehen lassen, vom Informationsgehalt her bleibt aber ein ähnlicher Eindruck zurück, wie beim

Lied vom armen Dorfschulmeisterlein
    
1. In einem Dorf im Schwabenland,
da lebt uns allen wohlbekannt,
da wohnt in einem Häuslein klein,
das arme Dorfschulmeisterlein.
2. Des Sonntags ist er Organist, 
des Montags fährt er seinen Mist,
des Dienstags hütet er die Schwein, 
das arme Dorfschulmeisterlein.
 
3.

. . . Weitere Verse finden sich im Anhang.

Den Sachverhalt erfasst man damit aber nicht so recht.

Der Nachwuchs an Lehrern kam aus der deutschenUnterscheidung gegenüber den lateinischen Schulen, also etwa Elementarschule oder Volksschule. Schule selbst. Kinder ab sechs Jahren hatten die öffentliche Schule ihres Wohnorts zu besuchen. Schulabschluß war die Konfirmation. Danach konnten die Knaben beim Schulmeister in die Lehre gehen, ähnlich wie in den Handwerksberufen. Mit dieser Ausbildung konnten sie sich um eine Stelle als Provisor bemühen, was im Handwerk dem Gesellen entsprach. Wie diese zogen die Provisoren auch umher, mancher wegen des Erwerbs weiterer Kenntnisse und Fertigkeiten, viele nur wegen irgendeiner, möglichst besseren Arbeitsstelle. Wurde eine Schulmeisterstelle frei, so wurde eine Schulmeisterwahl durchgeführt, deren Ergebnis im Prinzip eine Lebensanstellung bewirkte.

In ihrer äußeren Form war die Schulmeisterwahl eine durchaus geeignete Einstellungsprüfung. Die Wahl wurde angekündigt, die Kandidaten stellten sich dabei Pfarrer, Bürgermeister und weiteren Gemeindevertretern vor und wurden auf ihre Eignung geprüft. Die Zustände aus herzoglichen Zeiten hielten sich auch noch im Königreich, neu waren aber die diesbezüglichen Bekanntmachungen im Königlich=Württembergischen Staats= und RegierungsblattRegBl. 1808, S. 151.:

Da der katholische Schullehrers= und Meßners=Dienst zu Oberstetten, Oberamts Zwifalten, erlediget ist; so wird solches zu dem Ende bekannt gemacht, daß sich die Competenten ordnungsgemäß darum melden können. Diejenigen Competenten aber, welche noch kein Fähigkeits=Dekret besizen, haben sich einer vorläufigen Prüfung bei dem Pfarrer Dr. Schmid in Unlingen, Oberamt Riedlingen, zu unterziehen, welcher ihnen den Tag hiezu bestimmen wird.

Nufringen, Herrenberger Oberamts. Durch Resignation ist der hiesige Schul= und Meßnerdienst offen. Wir sind allergnädigst angewiesen, diese Stelle mittels einer gesezlichen Wahl wieder zu besezen, und haben zum Wahltag, Dienstag den 12. April bestimmt. Wahlfähige Mitwerber werden eingeladen, sich auf obigen Tag zur vorläufigen Prüfung bei uns bis morgens 8 Uhr einzustellen, und mit dem bisherigen bestprädicirten Provisor zu concurriren. Den 22. Merz 1808 Gemeinsch. Amt.

Oft, zu oft, ging die Stelle aber nicht an den Kandidaten mit der besten Bildung, der besten Lehrgabe oder dem besten Leumund, sondern schulfremde Argumente führten die Entscheidung herbei. Wer die Arbeit um das geringste Entgelt annahm, hatte gute Chancen. Wer als Kandidat bereit war, die Witwe des Schulmeisters zu ehelichen, sparte der Gemeinde die Versorgung der Witwe und war damit der bessere Kandidat.

Die Schulstube in alter Zeit

Ein Beispiel dazu gibt die Einstellung eines Freudentaler Schulmeisters, den Pfarrer Seubert bei seinem Aufzug in Freudental vorfand. Am 1. September 1779 starb nach 41 Dienstjahren im Ort der Freudentaler Schulmeister Georg Friedrich Reinhold. Neuer Schulmeister wurde der seitherige Provisor in Markgröningen Johann Jeremias Schwarz. Am 3. Oktober 1779 heiratete der fast neunundzwanzigjährige Schwarz die achtzehnjährige Tochter des verstorbenen Schulmeisters Reinhold. Der Altersabstand ist nicht ungewöhnlich, eine Heirat nur einen Monat nach dem Tod des Vaters schon eher. Damit war aber die Versorgung von Witwe und Tochter gesichert und der neue Schulmeister zog einfach ins Haus des alten Schulmeisters. Das Heiratsgut wurde erst am 1. Februar 1780 inventarisiert. Ein schon verheirateter Schulmeister hätte hier wohl geringere Chancen gehabt. Das waren vernünftige, aus Sachzwängen entstandene Lösungen, aber Bescheidenheit und Heiratswilligkeit sind noch keine Grundqualifikationen für einen Lehrer.

Wie heutzutage die Sammlungen von Abschlußprüfungen der letzten Jahre oft mehr Einfluß auf die unterrichtlichen Schwerpunkte haben als die aktuellen Lehrpläne, so dürften die Schulmeisterwahlen wesentliche Wirkungen auf die Vorbereitungen der Kandidaten gehabt haben. Nicht mühsam erworbene Bildung war das Erfolgsrezept, sondern eine in Kenntnis der örtlichen Situation angepasste Selbstdarstellung.

Der oben genannte Ausbildungsgang war aber kein Zwang. Da im Prinzip nur die Kenntnis des eigentlichen Unterrichtsstoffs erforderlich war, konnte auch ein Kandidat überzeugen, der lediglich mit leidlichem Erfolg die Schule besucht hatte. Der Unterrichtsstoff ist mit Bibel, Katechismus, Gesangbuch und Kinderlehre weitgehend beschrieben.

War die örtliche Schulmeisterbesoldung so gering oder die Schulstube so schlecht, dass sich niemand der Schulmeisterwahl stellte, so versuchte man örtliche Handwerker dafür zu gewinnen. So ist mein Ururgroßvater Johann Wellert (um 1759 bis 1817) als "Schneider, BüdnerKleinbauer, Schulmeister zu Dörgelin" in Mecklenburg überliefertBRUHN 1995, Ahn 38.. Die Verbindung des Schulmeisteramtes mit bestimmten Handwerksberufen läßt sich für Norddeutschland belegen, galt aber weniger für Württemberg.

Wie in den meisten deutschen Territorien hatte man auch im absolutistischen Preußen versucht, bestimmte Gewerbe- und Berufsgruppen vorzugsweise zum Küster- und Schuldienst anzustellen. Friedrich Wilhelm I. bevorzugte Lehrer aus handwerklichen Berufen: Schneidern (weil die Schneider nicht nur Fliegen totschlagen konnten, sondern neben der Schneiderei vom erhöhten Tisch den Unterricht durchführen konnten; da kommen die klassischen Lehrerpulte her), Leinwebern oder Schmieden (wegen der bestehenden Züchtigungsrechte durch den Lehrer). Die preußischen Volksschulen verdanken dem Alten Fritz einen mit unverwechselbarer Qualifikation ausgestatteten Lehrertypus, der von da an aus den Schulen nicht mehr wegzudenken war: den pensionierten Unteroffizier, den sog. Einjährigen, als Dorfschulmeister.POTATO-KLAUS, 1998.

Die staatstragende Wirkung der Unteroffiziere wurde in Württemberg ungleich weniger beansprucht, so dass die Gedankenverbindung Dorfschulmeister-Unteroffizier hier kaum zutrifft. Dagegen ist die Verbindung des Dorfschulmeisters zum Mesneramt eine ursächliche. Des Herzogs Christoph Große Kirchen-Ordnung brachte Württemberg im Jahr 1559 eine Vorstufe der allgemeinen Schulpflicht, was wohl aus der Feder von Johannes Brenz (1498 bis 1570) stammtEISENLOHR 1839, S. 2..

Wollen wir, wo biß anher in solchen Fleken Mesnereyen gewesen, daß daselbst teutsche Schulen mit den Meßnereyen zusammen angericht, und darauf zu Versehung der teutschen Schulen und Meßnereyen, von unsern verordneten Kirchenräthen geschikte und zuvor exeminierte Personen, so Schreibens und Lesens wohl bericht auch die Jugend im Catechismo und Kirchen=Gesang unterrichten könnten, verordnet werden.

Kurzfristig war es ein geschickter und gangbarer Weg, die Schulen der bestehenden und sich weiter entwickelnden Kirchenstruktur aufzupfropfen. Langfristig brachte diese Regelung aber viel Ärger. Schulmeister, Mesner, Organist, Vorsänger in der Kirche und Gehilfe des Pfarrers in einer Person schafft Probleme im Selbstverständnis und den Erwartungen der Mitmenschen. Damit konnte der Lebensunterhalt für eine Familie schlecht bestritten werden, so dass die zusätzliche Ausübung eines Handwerks und einer kleinen Landwirtschaft notwendig war.

Eine spezielle Ausbildung der Lehrer wurde weder angeordnet noch eingerichtet. Gänzlich fremd war der Gedanke einer Lehrerbildungsanstalt damals aber nicht, wie die Geschichte des Alumneums in Esslingen zeigt. Wie der Name besagt, geht es dabei um die Versorgung mit Speis und Trank und um den Unterricht in guten Sitten. Dies wollte man armen Bürgersöhnen angedeihen lassen und sie zu Kirchenmusikern ausbilden. Als man nach einigen Jahrzehnten zusammenzählte, waren aber etwa ein Viertel lateinische oder deutsche Lehrer geworden und etwa ein Fünftel Theologen sowie Gelehrte und Offiziere. Auch der Gothaische Schulmethodus, durch Herzog Ernst den Frommen (Bet-Ernsten) 1642 eingeführt, konnte diesbezüglich noch keine Änderung bewirken, obwohl oder auch weil dies ein recht fortschrittlicher und umfassender Plan für die Schule war.

Noch vor der Großen Kirchen-Ordnung war in Württemberg eine Anstellungsprüfung für Schulmeister angeordnet worden. So lautete die herzoglich-württembergische Instruktion für die Visitations-Räte vom Jahr 1546EISENLOHR 1839, S. 1.:

Und so ain schulmeister von ainer statt angenommen, Soll doch derselbig zuvor für die verordneten Examinatores gewiesen, Allda er dann zuvor examinirt und - - volgends erst an ein jedes Orth, geschikt und geordnet werden. Item es sollen auch die Predicanten und Pfarher den Schulmeistern zu Superattendenten verordnet werden, Jars ettliche malen die Schule mit Amptmann und Bürgermaister zu visitiren.

Was Herzog Ulrich angeordnet, wurde auch von seinem Nachfolger Herzog Christoph in der Visitations=Ordnung vom 26. Mai 1553 bestätigt. Die Visitatoren hattenEISENLOHR 1839, S. 1.

alle Sachen, die Lehr und Leben der Schulmaister betreffend, abzumachen, hieneben mit den neuen Schulmaister das auferlegte Examen zu halten.

Die Durchführung der Instruktion verlief wohl etwas schleppend, denn im "Gen. Reskript an die Oberämter betr. die Verbesserung des deutschen Schulwesens, bes. rücksichtlich der Schul-Wahlen und der Provisorats-Prüfungen vom 30. Jan. 1792" wurde verordnetPTZ 450, S. 163.:

... alle diejenigen, Welche ein Schul-Provisorat in Unseren Herzogl. Landen zum erstenmal nachsuchen, von Euch, den Decanis, zuvor genau und gewissenhaft geprüft, auch ihnen von dem Erfund ein Zeugniß ausgestellt . . . Zugleich erklären Wir aber, daß Wir in Zukunft keinen Provisor, welche nicht von Unserem Herzogl. Consistorio zuvor geprüft und zu Versehung eines Schuldienstes tüchtig erklärt worden ist, für Wahl fähig bey irgend einem Schuldienst in Unserem Herzogl. Landen erkennen, noch für denselben, wenn er von einer Gemeine erwählt seyn wird, hiezu bestätigen werden. Das Wir keinen Provisor, er habe bereits das zweiundzwanzigste Jahr zurückgelegt, zu dieser Concistorial-Prüfung zulassen und solche mit aller Unpartheylichkeit, Strenge . . .

Was keineswegs heißt, dass es fast 250 Jahre keine sachgerechten Prüfungen gegeben hätte oder sie irgendwann in Vergessenheit geraten wären. Das Schulwesen war aber nur ein Anhängsel der Kirche und je nach Eignung, Ausbildung, Interesse und den Möglichkeiten der Pfarrer und Dekane fielen diese Prüfungen sehr unterschiedlich aus oder fanden gar nicht statt. In und nach Kriegs- oder anderen Notzeiten gab es oft nur die Wahl zwischen keiner oder schlechter Schule.

Eine ähnliche Vielfalt gab es bei der Ausbildung. Mancher Incipient durfte in seiner Lehrzeit nur weitere drei Jahre dem Unterricht zusehen. Andere bekamen einen Großteil des Unterrichtes aufgeladen, während sich der Schulmeister "wichtigeren" Tätigkeiten hingab. Was die Schulmeister an Incipienten und Provisoren weitergaben, waren die Verhaltensmuster ihrer eigenen Lehrer oder ihres Lehr(schul)meisters und die Ratschläge oder Weisungen des die Schulaufsicht führenden Ortspfarrers. Eine andere Variante lernte der nachmalige Dorfschulmeister Gehring in seiner Provisoratszeit kennenGEHRING 1928, S. 468..

Auf die Lehrzeit, während der er beide Eltern verlor, folgte eine siebenjährige Provisoratszeit. Zunächst findet er sofortige Verwendung in U., wo er bei 12 Gulden Salarium zunächst 4 Wochen lang mit der Magd und vier Dreschern zusammen nichts als zu dreschen hat. Das fällt ihm, dem bäuerlicher Arbeit gänzlich ungewohnten, bitter schwer. Aber er lernt es schweigend. Er lernt auch, weil er muß ("de andere Proviser hends au putzt"), allsonntäglich die Sonn= und Werktagsschuhe des Herrn, der Frau, der fünf Kinder und der Magd mit seinen eigenen – zusammen einige 20 Paare zu putzen (die Woche über wurden die Schuhe nicht geputzt). Ferner bringe von 200 Schulkindern im Winter jedes jeden Montag ein Scheit Holz; der Provisor hat das zu kontrollieren, abzunehmen und "zwischen und nach den Schulen" zu sägen und zu spalten. Er hat ferner täglich 8-10 Stück Vieh zu füttern, er hat mit 6 Tagelöhnern in dreiwöchentlicher Winterarbeit eine erlenbestandene Sumpfwiese urbar zu machen, er hat bei jedem Wetter täglich einmal, "oft nachts um 11, um 12 oder um 1 Uhr", die Schulwiesen=Wässerungsfalle zu ziehen, wobei er oft am ganzen Leibe bis auf die Haut hinein durchnäßt heimkommt, er ist beim Schoren, Kartoffelstecken, Häufeln und Hacken die Hauptperson, er erlangt im Klee=, Heu= und Öhmdtragen eine besondere Force, so daß die Bauern sagen: "Der Provisor trait schla mir da Buckel seim Herra so viel Heu heim, as am a Küah=Bauer hoimführa thät!" Derweil führt sein Herr seine Schule nachlässig und treibt noch eine Fülle einbringlicher anderer Nebengeschäfte, bei denen ihm der Provisor "oft ganze Nächte hindurch" schreibend und rechnend helfen muß. Die Frau war eine Bauerntochter und bestimmte den Ton des Hauses zum Leidwesen ihres Mannes, der immerhin ein guter Lateiner war (er läßt den Provisor anläßlich eines französischen Standquartiers im Ort Cäsars De bello gallico exponieren) und von dem er Geometrie und Feldmessen hinzulernen konnte.

Kollegiale Gespräche waren wohl prinzipiell möglich, doch der nächste Schulmeister wohnte in der Regel erst im nächsten Kirchdorf. Schulmeisterliche, landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeit schränkten die Möglichkeiten stark ein. Am Sonntag war den Bürgern Kirchgang vorgeschrieben und der Gang über das freie Feld verboten, soweit dies die Sonntagsandacht störte. Der Schulmeister hatte den Pfarrer in der Kirche zu unterstützen, auch wochentags und nicht zu vergessen die Verpflichtungen in der Sonntagsschule.

Wie hart und streng diese Verpflichtungen waren, zeigt ein BeispielLORENZ,  S. 175f. aus dem bereits oben genannten Baiersbronn. Im April 1792 brannten etliche Häuser im Ort, auch die Kirche kam zu Schaden.

"Der Kirchenbau verzögerte sich aus verschiedenen Gründen so lange. Zunächst hatte der Neubau der Wohnhäuser Vorrang, so dass Kostenvoranschlag und Planung erst im Februar 1793 vorlagen. In der Endphase ab 1796 waren es die Kriegsereignisse. Quartierlasten und Kontributionen, die den Bau hinausschoben."LORENZ,  S. 180f.

Die Kirche wurde aber inzwischen weiter benutzt, auch im Winter. Wohl waren die Gottesdienste dann kürzer und es entfiel mancher Wochengottesdienst, fleißige Kirchgänger erkrankten aber, auch der Pfarrer. Der Schulmeister Johann Christoph BischoffDies war einer meiner Ururururgroßväter: BRUHN 1995, Ahn 112. konnte in Schule und Kirche nicht mehr singen und als er 1795 starb, führt Pfarrer "Kornbeck seinen Tod auf diese unmöglichen Verhältnisse zurück"LORENZ, S. 180., denn die Kirche hatte immer noch kein rechtes Dach. Für den Schulmeister als Kirchendiener war Kirchgang nicht nur in diesem Fall eine todernste Angelegenheit.

Pfarrer Seubert beschönigte in seiner Beschreibung der Affstätter Schulverhältnisse die Unterlassungen der Landesherren: Filialschulmeister Bökle hatte keine spezielle Ausbildung und versah sein Amt dennoch vorbildlich, folglich war eine staatliche Ausbildung erläßlich. Seubert spricht dies nicht explizit aus, aber sein Text legt diesen Schluß nahe. Andere Geistliche hatten aber durchaus Erwartungen, "deren Erfüllung wir mit Sehnsucht entgegensehen, ein weise eingerichtetes Schulmeisterseminar dem Vaterlande seine gründlich gebildeten Zöglinge überliefern wird."Scholl 1799 (anonym veröffentlicht), S. 27. Ob es sich bei dem Autor wirklich um einen Landprediger handelt, ist nicht sicher. Nach seinen Einsichten und seiner Argumentation ist dies eher eine Untertreibung.

1.2.2. Neue Verordnungen im Königreich

Als mit dem Jahr 1806 auch das Königreich Württemberg seinen Anfang nahm, war dies nicht einfach eine Umbenennung des Herzogtums. 1803 kamen durch den Reichsdeputationshauptschluss neue Gebiete zu Württemberg, später gab es weitere "Erwerbungen" und Gebietsausgleiche. Wüst fasst dies wie folgt zusammen: ErwerbungenWüst 1839, Schautafel:

Im Jahre 1803: gegen Mömpelgard die Probstei Ellwangen, die Abt. und Klöster Zwiefalten, Heiligkreuz= thal, Rotenmünster, Komburg, Schönthal, Margarethenhausen etc.; ferner die 9 Reichstädte Hall, Rotweil, Gmünd, Eßlingen, Reutlingen, Heilbronn, Aalen, Weilerstadt, Giengen.

Im Jahre 1805: die Grafschaft Hohenberg, die Landvogtei Altdorf, die Herrschaft Ehingen und die 4 Donau= städte Munderkingen, Riedlingen, Mengen und Saulgau.

Im Jahre 1806: die Herrschaft Wiesensteig, die Abt. Wiblingen, die Grafsch. Schelklingen, ferner Biberach und Waldsee, Kapfenburg und Alschhausen, die Hoheit über die Fürstenth. Hohenlohe, Truchseß Waldburg, Thurn und Taxis, die Grafsch. und Herrsch. Limpurg, Ochsenhausen, Weingarten, Warthausen, Schussenried, Königsegg=Aulendorf, Salm=Krautheim, Isny etc.; dagegen abgetreten: Gochsheim, UnterOewisheim, Villingen, Breunlingen, Tuttlingen (letzteres doch bald wieder Württembergisch).

Im Jahre 1809: Die Landgerichte Tettnang, Buchhorn, Wangen, Ravensburg, Leutkirch, Söflingen, Geislingen, Alpeck, Elchingen, Crailsheim, Ulm, das Fürstenth. Mergentheim etc.; ferner die Hoheit über mehrere Fürstenthümer und Herrschaften. - Abgetreten: Schiltach, Hornberg, St. Georgen. - 1813 die Herrchaft Hirschlat durch Kauf.

Württembergische Erwerbungen 1803 - 1813

Kleinere Gebiete führt Wüst gar nicht erst auf, wie etwa das adlige Damenstift Oberstenfeld. Die erworbenen Gebiete hatten unterschiedlichste Größen, Verfassungen und Besitzverhältnisse. Dies alles unter eine gemeinsame Verwaltung zu bringen war kein leichtes Unterfangen und so erledigte man zuerst die leichten Angelegenheiten. Dem königlichen Staats=Ministerium als oberster Staatsbehörde wurden sechs Departements nachgeordnetOrganisations=Manifest, d. d. 18. März 1806, S. 7.:

§. 2.
Es sind 6 Departements
1.) das Departement für auswärtige Angelegenheiten, 4.) das Kriegs-Departement
2.) das Departement des Innern, 5.) das Finanz-Departement
3.) das Justiz-Departement 6.) das Geistliche Departement.
. . .
§. 8.
Zu dem Geschäftsbereich des Geistlichen Departements gehört der Cultus, sowohl der evangelischen, als katholischen Religion, und anderer im Staate tolerirten Gemeinden, das Curatorium der Universität, Schulen, und überhaupt gelehrte und Bildungs=Anstalten.

Hatte man sich 1797 noch gefreut, dass mit Friedrich II. nach 62 Jahren erstmals wieder ein protestantischer Fürst das protestantische Land regierteWüst 1839, Schautafel., so hatte man nun Katholiken in Neuwürttemberg. Da es sich nicht um eine zu vernachlässigende Minderheit handelte, verloren alte Dekrete ihre GültigkeitEISENLOHR, S. 25..

Herz. Dekret, betr. die Religions=Uebung der Katholiken in Ludwigsburg,
und die Errichtung einer eigenen Schule derselben vom 20. Februar 1740.

Die beschehene Anrichtung einer eigenen Schule soll ihnen ernstlich untersagt werden.

Man könnte nun glauben, dass es in den ehemaligen Reichsstädten mit gemischtkonfessioneller Bevölkerung weniger Probleme gab, weil man sich als Mitbürger kannte. Zumindest in Biberach half dies gar nichts, es war hier eher so, dass sich über Jahrzehnte Fronten gebildet hatten, welche durch königliche Verordnungen keineswegs aufgehoben wurden. Persönlich weniger vorbelastete Altwürttemberger taten sich da möglicherweise leichter. Insgesamt ging beiderseits die Angst um, dass die neue staatliche Ordnung Schaden für die Religion bringen könnte, gemeint war dabei die eigene Konfession. Die katholische Minderheit stand unter größerem Erfolgsdruck, denn im protestantischen Altwürttemberg lag wenigstens auf der Basis der geltenden Ordnungen eine gewisse Einheitlichkeit vor. Im September 1807 wurde im RegierungsblattKönigl. Kathol. Geistl. Rath, die Berichte über das katholische Schulwesen betreffend. d. d. 10. Sept. 1807. In: RegBl. vom 24. Sept. 1807, S. 429f. ein Fragekatalog veröffentlicht und innerhalb eines Monats die Antworten erwartet. Bereits beim zweiten Fragekomplex ging es um den Schullehrer:

2) Wie der Schullehrer heiße? woher er gebürtig, und wie alt er sei? wie lang er schon, ohne oder mit Gehülfen, und mit welchem, den Schuldienst versehe? wo er gebildet geworden? ob er vorher schon einen Dienst, und welchen, gehabt habe?

Vor den abschließenden Fragen zu Stadtschulen, nach dem 26. der allgemeinen Fragekomplexe ging es noch einmal um den Lehrer.

Der Pfarrer soll auch ein Zeugniß über den sittlichen Character, über den Fleiß und Diensteifer und über die Kenntnisse des Schullehrers ausfertigen und beifügen.


Ein Jahr später war die katholische Schulordnung fertiggestellt und veröffentlichtGeneral=Rescript. Die Einführung einer allgemeinen Schulordnung in den katholischen Elementarschulen des König-reiches betreffend; vom 10. Sept. 1808. In: Beilage zu RegBl. vom 22. Okt. 1808, S. 529f.. In elf Abschnitten und 29 Paragraphen finden sich vielfältige Regelungen, auch folgende.

C. Die Reinlichkeit und Gesundheit betreffend.
. . .
IX. Jedes Kind soll ein Nasetuch, wäre es auch noch so gering, bei sich haben.


Nichts findet sich dort über Ausbildung und Prüfung der Lehrer. Wohl aber in der unter gleichem Datum, aber bereits drei Wochen eher im Regierungsblattin: Beilage zu RegBl. vom 1. Okt. 1808, Nro. 44, ohne Seitenzahl. veröffentlichten

Königl. Verordnung vom 10. Sept. 1808: Die Prüfung und Aufstellung der katholischen Schullehrer und Schulverweser in den deutschen Schulen des Königreiches betreffend.

Ohne diese Prüfung sollte niemand zum Schuldienst zugelassen werden. Eine Bildungs- und Bewährungszeit als Provisor wurde vorausgesetzt. Der Katalog erforderlicher Kenntnisse und Fertigkeiten entspricht in etwa nachfolgender Tabelle vom Jahr 1810Beilage A zu: Decret des Kön. Katholischen Raths, an die katholischen Schul=Inspectorate, die Prüfung der Schul=Provisoren und Incipienten betr. vom 2. Aug. 1810; in: RegBl. vom 25. Aug. 1810, Nro. 35, ohne Seitenzahl..

Klassifikationstabelle zur Lehrerbeurteilung
In Hinsicht auf die Gegenstände des Unterrichts Nothwendige Kenntnisse Religion und Sittenlehre Kenntniß des Gegenstandes
Katheketische Anwendung
Lesen Deutsch Gedruktes
Geschriebenes
Latein Gedruktes
Geschriebenes
Schreiben Schön
Recht
Schriftliche Aufsätze
Rechnen Pestalozzisch
Kopfrechnen
An der Tafel
Deutsche Sprachlehre
Musik  Orgel
Singen
Singlehre
Nüzliche Kenntnisse Geographie
Naturgeschichte
Naturlehre
Technologie
Geschichte
Gesundheits=Lehre
Seelen=und Vernunftlehre
Formenlehre
Geometrie
Zeichnungs=Kunst
Übrige 

Schullehrer =

Kenntnisse

Moralische und physische Eigenschaften eines Schul=Lehrers
Schulzucht, Belohnungen, Strafen etc.
Schulbücher=Kunde
Verstands, und Gedächtnis=Übungen
Innere Schul=Einrichtung
Methodik Theorie
Ausübung

Ende des Jahres 1810 wurde die evangelische Schulordnung fertig und erschien Anfang 1811. Hier wird die Bildung der Lehrer in mehreren Paragraphen beschrieben.

General=Verordnung, betr. das deutsche Elementar=Schulwesen in den evangelischen Orten des Königreichs

betr. d. d. 26./31. Dezember 1810.

Friedrich, von Gottes Gnaden, König von Württemberg etc.

Da Wir die in den evangelischen Orten unsres Königreichs bestehenden Schulanstalten theils an sich, theils in Hinsicht auf ihre Ausführung dem wichtigen Zwecke derselben nicht entsprechend finden, so wollen Wir hiemit folgende Verordnung, das deutsche Elementarschulwesen betreffend, als allgemeine Norm für alle in den evangelischen Orten Unsers Königreichs befindlichen Schulen erlassen haben.
. . .
D.) Schul=Lehrer. I) Anzahl.
. . .
II) Bildung

§. 14. Die Incipienten des Schullehrer=Standes sollen künftig die zu ihrer Lehrzeit bestimmten 3 Jahre (von erfolgter Confirmation an bis zum 17. Lebensjahre ihres Alters) nur allein in einem öffentlichen Schullehrer=Seminar, oder in einer von Unserm Kön. Ober=Consistorium genehmigten Privat=Bildungsanstalt eines im pädagogischen Fache sich auszeichnenden Geistlichen, oder bei einem dazu ausdrüklich legitimirten vorzüglich tüchtigen Schullehrer zubringen.

§. 15. Der Zweck der öffentlichen und Privat=Bildungsanstalten geht dahin: den Lehrlingen einen vollständigen theoretisch=praktischen Unterricht in Allem, was zur Bildung in ihrem zukünftigen Beruf nöthig ist, zu geben, und sie mit einer Auswahl des Besten, nicht blos der älteren, sondern auch der neueren Pädagogik und Didaktik, besonders auch der Pestalozzischen Methode, mit fester Hinsicht auf die Bedürfnisse der Elementarschulen, gründlich bekannt zu machen.

§. 16. Das von Uns angeordnete Haupt=Schullehrer=Seminar in der Stadt Eßlingen wird nach Ostern des künftigen Jahres eröffnet werden. Es erhält neben einem Vorsteher noch zwei andere Lehrer.

Der Unterricht wird daselbst unentgeldlich ertheilt, und dreissig weniger bemittelte Candidaten werden überdiß aus den dazu bestimmten Fonds jährliche Unterstüzungen, je nach dem grössern oder geringern Bedürfniß des Einzelnen erhalten.

§. 17. Neben diesem Haupt=Seminar bleibt sowohl das Seminar in Oehringen, als die Lehranstalt in dem hiesigen Waisenhaus bestehen.

Auch erwarten Wir, daß von den evangelischen Geistlichen Unseres Königreichs Privat=Bildungsanstalten nach vorgängiger Anzeige und erhaltener Genehmigung werden errichtet werden; wie Wir denn auch aus der Zahl der Schullehrer denjenigen, welche sich durch pädagogische Bildung auszeichnen, die Annahme von Incipienten gestatten werden.

§. 18. Zur Aufnahme als Incipient wird ein von dem Ortsgeistlichen oder Schul=Inspector ausgestelltes und vom Decan bestätigtes Zeugnis vorzüglicher Kenntnisse und Sitten während der Schuljahre und der Tauglichkeit zum Schul- stande erfordert.

Jeder Incipient hat, in welche Anstalt er sich auch begeben wolle, eine Bittschrift an Unser Kön. Ober= Consistorium deswegen einzugeben, jenes Zeugnis beizulegen, und wenn er die für einen Theil der Zöglinge des Seminars in Eßlingen bestimmte Unterstüzung ansprechen zu können glaubt, seine Vermögens=Umstände durch ein obrigkeitliches Attestat zu beurkunden.

§. 19. Auch die gegenwärtig in der Lehrzeit begriffene Incipienten, welche noch 1. bis 2. Jahre darinn zu verweilen haben, soll von Ostern k. J. an eine oder die andere der öffentlichen oder Privat=Bildungsanstalten so lange besuchen, als die auf 3 Jahre bestimmte Lehrzeit erfordert.

Es werden daher unter die dreißig Zöglinge in Eßlingen, welche eine Unterstüzung erhalten,

10 die schon seit 2 Jahren in der Lehre waren,

10 die nur erst seit 1 Jahre Incipienten sind, und

10 neue Candidaten des Schullehrerstandes
nach Ostern des künftigen Jahres aufgenommen werden, so daß jährlich von denselben 10 austreten, und eben so viel Neue die Stellen ersezen.

Neu war nur "das Haupt=Schullehrer=Seminar in der Stadt Eßlingen". Auch das nicht ganz, denn diese Aufgabe übernahm das oben genannte Alumneum. Wegen des Amtes der Schulmeister als Organist und Vorsänger war dies durchaus sinnvoll. Es war aber wohl nicht allein das ähnliche Arbeitsfeld des seitherigen Alumneums, wodurch das Seminar nach Esslingen kam. Ein gewisser, aber nicht zu großer Abstand von Stuttgart und die noch bestehenden Strukturen der zuvor freien Reichsstadt könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben, denn hier hatten jene Kräfte weniger Einfluß, die den Herzogen von Württemberg immer das Regieren erschwert hatten.

Mit maximal zehn Abgängern pro Jahr waren die Verhältnisse aber nicht einmal langfristig zu ändern. Andere Bildungsanstalten waren nur für wenige bezahlbar oder die dortige Ausbildung, bezogen auf das zu erwartende Einkommen, war keineswegs rentabel.
 
 

1.3. Die wirtschaftlichen Verhältnisse

Pfarrer Seubert nennt das Jahresgehalt von Bökle mit 40 Gulden, mit einer vertiefenden Wiederholung. Im Geiste seiner bekannt großartigen Rednergabe erreicht er damit gleich mehrere Zielgruppen: von "das ist zu wenig" bis "aber es reicht doch". Eine schlichte Umrechnung in den heutigen Wert ist nicht nur wegen der veränderten Lebensgewohnheiten und Ansprüche erschwert.

1796 wurden die Einkommen der Schulmeister erfasst. Der dabei verwendete Vordruck zur Ermittlung des Pfarreinkommens blieb bei Schulmeister Johann Jeremias Schwarz in Freudental in weiten Teilen leer, nur die Felder mit Eintragungen sind nachfolgend wiedergegebenHStA, Bestand A282, Bü 1036/2..
 

        fl. xr.
I.     Unveränderliche Theile des Einkommens    
  1)   Geld
20
0
  2)   Fixe Naturalien    
    a) Frucht: 10 Scheffel Dinkel 
35
 
      1 Aym. 8 Imi Wein
24
 
II.     Veränderliche Theile des Einkommens    
      SchulGelt
27
 
  5)   Kommun= oder bürgerl. Beneficien: 1 bürgerl: Holz Gaab, bestehend in 2 oder 300 Büschlen Reisach
4
 
  6)   Rechte und Gerechtigkeiten, die unter keinem der vorigen Artikel vorkommen: pium Corpus. Wegen Orgelspielen und Sonnt:Schulen
5
30
  7)   Emolumenten    
    a) Von öffentlichen Cassen:     
      Neujahr  
45
      Aemter=Ersezung  
15
    b) Von Privatis oder die eigentlichen jura stolae für Kindstaufen, Proclamationen, Hochzeiten, Leichen etc.
12
 
      Summa.
128
30
Lehrereinkommen 1796

Naturalien wurden zur Einkommensermittlung nach staatlich festgelegten Preisen umgerechnet, was zur Vergleichbarkeit sicher notwendig und nützlich war, aber auch Gestaltungsmöglichkeiten am Ergebnis ermöglichte. Ein Gulden (fl.für Florentiner) hatte 60 Kreuzer (xr.). Kindstaufen, Proclamationenproclamare (lat.): laut schreien; hier: feierliche Ausrufung, standesamtliches Aufgebot., Hochzeiten, LeichenBeerdigungen waren unterschiedlich häufig.

1 Eimer sind im heutigem Maß 267 Liter (Schenkeich), wobei Trübeich, Helleich und Schenkeich unterschieden wurde, je nach Reifezustand des Weines. 1 Eimer 8 Imi sind anderthalb Eimer oder etwa 400 Liter. Scheffel ist ein Hohlmaß: 1 Scheffel = 1,7723 Hektoliter"Verhältniszahlen für die Umrechnung der im Königreich Württemberg bisher giltigen Landesmaaße und Gewichte in die durch die Maaß= und Gewichtsordnung vom 17. August 1868 festgestellten neuen Maaße und Gewichte"; in: RegBl. 1871, S. 118f.

Geld, Dinkel und Wein erhielt Schwarz von der Stabsbeamtung Freudental. Weiterhin freie Wohnung, die der Stabsamtmann Bayha mit 30 Gulden ansetzte. Das Schulgeld wurde von den Dorfarmen teilweise verzögert oder gar nicht gezahlt.

Die Holzgabe war ein Dauerthema. —

Freudenthal, d 1. Junii 1796

Schulmeister Schwarz, bittet widerholtermalen unterthänigst um eine Holz Besoldung zur Einheizung seiner ohnehin Großen Schulstuben

acta mit unterthänigsten Decanat Amtl: BeyberichtHStA, Bestand A282, Bu 1036/2..

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. . . bey anhaltender strengen Winter Kälte kaum 3. biß 4. Wochen ausgelangt wird, und solches auch auf meine Kosten aufmachen und heimführen lassen muß. . . . d. 20. Dec. 1796HStA, Bestand A282, Bu 1036/2..

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. . . zugleich aber auch die Orts-Vorsteher anzuweisen, den Schulmeister in Rücksicht auf das Schulholz, welches alle Gemeinen laut des der Schulordnung vorgedrukten General-Rescripts dem SchulMeister aus den Kommun-Waldungen schuldig sind, klaglos zu stellen, und daher bei dem Mangel eigener Kommun-Waldungen einen Ersaz an Geld oder auf andre Art dafür auszusezen.

. . . Stuttg. d. 30 Oct. 1799.Evangelische Kirchengemeinde Freudental (EKF), Pfarrarchiv, Rescriptenbuch.

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Den 10. Nov. 1811 wurde vom Kirchenkonvent dem Magistrat der Befehl als neuesten Schuledicts erteilt, daß das Schulholz auf Kosten der comune gehauen, gespalten und beigeführt werden soll und nachher auch wirklich befolgt. Dies war um so billiger, da dem Schulmeister bei seiner ohnehin geringen Besoldung diese Last schwer auflagEvangelische Kirchengemeinde Freudental, Pfarrarchiv, Kirchenkonventsprotokoll..

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In Hinsicht auf die Bedürfnisse des Schulholzes habt Ihr diesem Schulmeister aufzugeben, daß er sich deshalb an die Behörde wenden solle. . . . Bietigheim 7. Apr. 1812Evangelische Kirchengemeinde Freudental, Pfarrarchiv, Schulchronik..

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Verhandelt den 7. Dec. 1840: Schullehrer Stahl hat die Beschwerde vorgebracht, daß er mit dem zum Einheizen der Schule bestimmten Holz, welches bisher in 2 Holzgaaben bestanden für die Zukunft nicht mehr ausreichen könne, indem solche gegenwärtig ungleich weniger als in den früheren Jahren abwerfen. Er bitte deswegen die Sache in Erwägung zu ziehen, daß diesem Abmangel schleunigst abgeholfen werdeEvangelische Kirchengemeinde Freudental , Pfarrarchiv, Kirchenkonventsprotokoll..
Freudental hatte wohl keine "Kommun-Waldungen", aber es war und ist von Wäldern umgeben. Holz war da, Bedarf und Rechtsanspruch vorhanden und wiederholt bekräftigt, dennoch herrschte in der Schulstube Mangel. Geschichtsschreibung allein nach dem Text der Vorschriften zu betreiben, ist mindest so zweifelhaft wie Wirklichkeitserfassung auf der Grundlage von Wunschdenken. Pfarrer Seuberts Nachsatz "und nachher auch wirklich befolgt" im obigen Auszug des Kirchenkonventprotokolls vom 10. Nov 1811 bestärkt die eben genannten Zweifel. Wer auf vielfältige Weise sich um die Heizung der Schulstube kümmern muß, dem verkürzen sich die Möglichkeiten zur Fortbildung, sowohl von der Zeit, als auch von der Motivation her.

Schulmeister Schwarz lag mit 128 Gulden und einer Dienstwohnung im Bereich des erwünschten Mindesteinkommens. Der Besigheimer Mädchenschulmeister Hayer kam 1813 bei seiner GehaltszusammenstellungLKA, DA Besigheim, Nr. 21 Reskriptenbuch, Eintrag vom 29.6.1813, Seite 100f. auf einen Betrag von 362 Gulden und 55 Kreuzer. Davon hatte er aber auch "Kost und Logis für den Provisor 80 fl. und Salari 20 fl." zu bestreiten. Diese Einkommen waren nicht einheitlich geregelt, ebensowenig wie die Pfarrbesoldung. So schwankte das Einkommen der PfarrerLKA, DA Besigheim, Archiv Band Nr. 61, Besoldung 1770-1899, Kirchen- und Schuldienerbesoldung 1793. in der Diöcese Besigheim zwischen 334 fl. und 851 fl. mit einem Mittelwert von 540 fl., wobei der Dekan mit 532 fl. nicht einmal den Mittelwert erreichte. Pfarrer und Schulmeister lebten aus der Gemeinde, wie etwa dem direkten Nutzen von Grundstücken, bestimmten Abgaben oder aus Stiftungen. Eine Erhöhung des Lehrereinkommens hätte das Einkommen des Pfarrers geschmälert oder die Abgaben der Bürger erhöht. Eine Änderung ergab sich langsam aber doch, zuerst in den Köpfen, wenn auch nicht in allenGEHRING 1928, Seite 473.:

Das war sehr ungerecht, aber allerdings vertrat er immer und immer wieder die These, daß die Verbesserung der materiellen Lage der Lehrkräfte eine unerläßliche und zugleich die erste Vorbedingung für einen Aufstieg der Schule sei. Das gleiche war schon fast 30 Jahre vorher von Regierungsrat Ruoff als Konsistorialreferent bei internen Beratungen ausgesprochen worden . . . inzwischen war die Lage nicht wesentlich besser und so geworden, daß sie die Lehrer selbst in ihrer entscheidenden Bedeutung fürs Ganze erkannten.

Sie seien – so gut wie Geistlichen und die Regierungsbeamten – "Kopfarbeiter" hätten also ein Recht darauf, von allem Zwang zu Nebenverdiensten durch Handarbeit befreit und so gestellt zu werden, daß sie unabhängig von Geschenken aller Art sorgenfrei und ungestört ausschließlich ihrer Schule und ihrer pädagogischen Fortbildung leben könnten. Statt dessen sei jetzt die Lage so, daß von 1197 wirklichen Schuldiensten 116 nicht über 150 Gulden, 832 noch nicht 300 Gulden trügen und unter den letzteren seien "noch gar viele", welche nicht einmal auf 200 Gulden kämen. Dabei wolle die erlauchte erste Kammer für Zuchtstuten und Zuchthengste mehr ausgeben, als fürs gesamte Schulwesen.

Aber freilich ohne Zwang gehe es nicht, denn lieber, meint G., ließe ein Bauer, wenn er dafür vom Metzger 2 Gulden mehr bekommen könnte, sein Kalb um 1 ½ Gulden das Tanzen lernen, als daß er an seine Kinder etwas rücke.

Sodann sollte das Schulgeld von allen Bürgern, also auch von denen bezahlt werden müssen, die kein Kind in die Schule schicken, und vor allem sollte angeordnet bzw. endlich durchgesetzt werden, daß das Schulgeld von der Gemeinde eingezogen und vierteljährlich an den Lehrer ausbezahlt werde. Der Generalschulverordnung zuwider müßten es noch viele Lehrer selbst einziehen, betonte sogar die Eingabe an den König. Dabei war der Einzug von Gemeinde wegen schon 1739 erstmals angeordnet worden!

Die Gewährung von Prämien, die 1822 "als Belohnung ausgezeichneten Fleißes" angeordnet war, verwirft er. "Rechtliche Männer würden bei allem Fleiß in ihren Schulen keine Prämien nehmen, mit Rücksicht auf ihre Kollegen, die, weil sie mit unsäglichen Schwierigkeiten kämpfen, keine so guten Schulen haben können." Manche wüßten auch gar nichts davon, da es ihnen ihre Geistlichen gar nicht mitgeteilt hätten.
Lagen die Verhältnisse im Lande auch nicht sonderlich gut, so war es anderswo selten besserVollgiltige Stimmen, S. 150.:

Koch, Direktor zu Stettin. (Was soll der Staat für Schulen thun? Stettin bei Leich 1800. 40 S.)

. . ., daß man im preußischen Staate die Sache der Menschenerziehung mit eben dem Kostenaufwand zu unterstützen bereit seyn werde, mit welchem man Baum=, Pferde=, Schafzucht und die Zucht des lieben Rindviehs zu veredelen sucht.

Im Westen gab es etwas Neues und damit weitere UngemachGEHRING 1825, Seite 100f.:
Vom Anfang des französischen Revolutionskrieges an stiegen aber die Preise aller Lebensbedürfnisse von Jahr zu Jahr immer höher. Nun waren die guten wirtembergischen Schullehrer, wie wohl alle Schullehrer in Teutschland, gezwungen, in ihren Nebenstunden andere Geschäfte zu treiben, um den Ihrigen das liebe Brod zu verdienen. Manche mußten bißweilen sogar ihre Schulen abbrechen, um nur ihre Weiber und Kinder ehrlich zu ernähren. Die Stadtschullehrer widmeten ihre Nebenstunden meistens den Privatinformationen, die älteren Schullehrer auf dem Lande aber fingen ihre Handwerke wieder an, und die jüngeren kauften Güter und wurden Bauern.
Folgende Hoffnung kam von den PfarrernVolksschule 1910, Seite 985.:
Hin und wieder wurde allerdings ein billiges Mittel versucht, um die unter ihrer drückender Armut seufzenden Lehrer zu stillen: "Man verwies uns stets aufs Jenseits", schreibt ein Lehrer (Volksschule 1842, 271)
.
 

1.4. Die dienstlichen Verhältnisse

Angestellt war der Schulmeister bei der Gemeinde. Die Incipienten, also Lehrlinge oder Auszubildende, waren anfänglich allein Sache des Schulmeisters. Später wurde der Kreis der Ausbildungsberechtigten durch eine "Ober=Consistorial=Prüfung" eingeschränkt. Provisoren waren teilweise bei den Schulmeistern, teilweise bei den Gemeinden angestellt. Die an Filialschulen tätigen unabhängigen Provisoren bildeten oftmals Grund für Ärgernisse, denn der die örtliche Schulaufsicht führende Pfarrer wohnte in einer der Nachbargemeinden und vom Schulmeister der Schule des Pfarrdorfes wollten sie sich nichts sagen lassen, man war schließlich unabhängig. Wenn ein junger unabhängiger Provisor dann mit dem benachbarten, altgedienten Schulmeister dienstlich zu tun hatte, war Einigkeit über neue Unterrichtsgegenstände oder –methoden keineswegs sicher.

In den Stadtschulen der Reformationszeit lebten die Schulmeister meist nur vom Schulgeld. Sie standen zu ihren "Kunden" in einem vergleichbaren Verhältnis wie Handwerker, Schreiber oder Rechenmeister. In Armenschulen oder Freischulen zahlte der Schulträger allein die Schulmeister. Bei den Dorfschulen gab es Mischformen, wie die oben gezeigte Einkommensaufstellung zeigt. So gab es für die Gemeinden oder die anderweitigen Schulträger ein unterschiedliches Maß an Mitwirkung und Eingriffsmöglichkeiten.

Die örtliche Dienstaufsicht oblag aber weitgehend dem Ortspfarrer. Pfarrer Seubert und seine Nachfolger hatten in Freudental als evangelische Geistliche auch die Judenschule zu visitieren, was zu gegenseitigem Verständnis und wechselseitigem Zugewinn ebenso beitrug wie zu massivem Ärger über christliche Anmaßung oder andererseits jüdische Verstocktheit.

Aus heutiger Zeit den Umgang zwischen Pfarrer und Schulmeister zu beschreiben oder gar zu beurteilen, beinhaltet eine bedeutende Fehlerquelle. Werte, Wissen und Denkstrukturen unterliegen einem Wandel und dieser Wandel innerhalb der letzten beiden Jahrhunderte kann keineswegs als vernachlässigbar klein angesehen werden. Eine einigermaßen konstante Größe für beide Zeiten wären die Menschen ohne Werte und Wissen, also die Beschränkung auf die "genetisch verankerten Problemlöse-Programme"SCHEUNPFLUG 2000, S. 28.. Annette Scheunpflug zeigt auf, dass der heutige Mensch in einem "Selektionsprozeß, der seit 2 000 000 Jahren läuft"SCHEUNPFLUG 2000, S. 29., sich zu dem entwickelte, was er heute ist. Da sichere Nachweise von Sesshaftigkeit nicht wesentlich älter als 10 000 Jahre alt sind, verbrachte die Gattung Homo "99,5 % ihrer Geschichte als Jäger und Sammler"SCHEUNPFLUG 2000, S. 29.. Scheunpflug geht wohl nicht zu Unrecht davon aus, dass unser Verhalten innerhalb unserer Gruppe und gegenüber anderen Gruppen von diesen Urwelt-Programmen massiv beeinflusst wird. Dies ist aber nicht unbedingt leicht für uns durchschaubar, denn ihr Einfluss beginnt bereits bei der Wahrnehmung, lenkt die Informationsverarbeitung, das Empfinden und die Reaktion.

Von Pfarrer Seubert und Schulmeister Schwarz trennen uns nur ½ ‰ der Entwicklungszeit, die anzunehmenden Unterschiede dürften vernachlässigbar klein sein. Auch Pfarrer und Schulmeister unterscheiden sich überwiegend in Bildung und Erziehung, weit weniger aber in ihren genetischen Grundstrukturen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist der Schulmeister mit seinen etwa hundert Schülern grundsätzlich überfordert, weil dies die Größe einer urweltlichen Horde merklich übersteigt. In diese angespannte Situation kommt nun noch der Pfarrer als Vertreter der örtlichen Schulaufsicht. Damit ist ein Revierkonflikt gegeben. Besonders dann, wenn die Schulstube noch Wohnstube oder Werkstatt des Schulmeisters ist. Diese Situation wurde sicher von manchen zu beider Erfolg gemeistert, wohl aber auch zu oft eben nicht. Nach der Ausbildung gemessen, waren Minderwertigkeitsgefühle der Lehrer und Dünkel der Pfarrer nicht völlig grundlos, wohl aber eher kontraproduktivGEHRING 1928, S. 479..

Nur dürfe der Pfarrer, wenn es der Lehrer ganz mit Recht nicht sein solle, auch selbst nicht stolz und dünkelhaft sein und es nicht für ein Blähen halten, wenn ein Schulmeister seinem Pfarrer in Sachen widerspricht, die er selber besser versteht. "Tüchtige Schulmänner lassen sich das gar nicht gefallen."

Mit der Praxis des Unterrichts und der Erziehung waren die Lehrer zwangsläufig mehr vertraut, so dass sie auch auf berechtigte Anregungen oder Anordnungen des Pfarrers nicht immer eingingen. Andere Lehrer suchten vergeblich des Pfarrers Hilfe. Manche Pfarrer mieden die Schule, wegen leidiger eigener Erfahrungen damit oder andere rächten sich am Dorfschulmeister, aus gleichem GrundVollgiltige Stimmen, S. 9..

Denn aus allen Ländern kann nachgewiesen werden, daß sehr viele Geistliche (Mit dem Wort "Hochwürden" auf der Stirne) die Schule oft nur deßwegen besuchen, um dem Lehrer ihr Übergewicht auf eine drückenden Art fühlen zu lassen, und ihn vor den Kindern auf die empörendste Weise zu hudeln, und eben so ein großer Theil, entweder aus Haß gegen den Lehrer oder aus Abneigung und Commodität die Schule das ganze Jahr nicht Einmal ansieht.

Der gleiche Konflikt war ein Grund, warum Pfarrer eisern an der geistlichen Schulaufsicht festhalten wollten, andere wiederum dies gerne an die Lehrer abgegeben hätten. Auch unter den Lehrern herrschte hier keine einheitliche Meinung. Dorfschulmeister Gehring beschäftigte dies auchVollgiltige Stimmen, S. 9..

Und "warum sollte auch ein ganz tüchtiger Schulmann nicht auch Schulvisitator sein können?" Dennoch lehnt er den Gedanken ab, weil er zur Verweltlichung der Schule führe, "unsere Schulen aber Christenschulen sein sollen und müssen". Er meint das so, daß der Unterricht in der Religion immer das Hauptpensum sein und bleiben und der in den andern Fächern "auch darauf angelegt sein müsse, ein christliches Volk zu bilden".

Aber auch solchesVollgiltige Stimmen, S. IV.:

4.) die Beaufsichtigung der Schule von einem Stande, dem das Schulwesen größtentheils ganz fremd ist, und der bei seiner Unwissenheit dennoch fast aller Orten störend eingreift, und endlich

5.) die unter den meisten Gliedern des geistlichen Standes von Haus aus herrschende Abneigung gegen den Schulstand und die Schule, da denselben das Wort "Schule" so verhaßt ist, als dem Landmann das Wort "Steuer." Daß bei solchen Verhältnissen ganz natürlich die Würdigsten des Zeitalters Selbstständigkeit [wirklich stst] verlangen, liegt in der Natur der Sache.

Dieses Spannungsverhältnis wurde auch von den Pfarrern erkannt und benannt, wenn auch selten so treffend wie hierVollgiltige Stimmen, S. 170..
Müller, Pfarrer. (Umgang des Landpfarrers mit dem Schulmeister seines Kirchspiels. Leipzig bei Barth, [1802 ] Seite 5.)

"So leicht benachbarte Nationen einander bekriegen, und Bewohner Eines Hauses sich verfeinden, so leicht entzweien sich Pfarrer und Schulmeister Eines Kirchspiels. Sie sind sich zu nahe, um einander ihre Schwächen verbergen zu können; zu aufmerksam, um solche nicht zu bemerken; durch Amtsverhältnisse zu sehr verbunden, um nicht sich gegenseitig durch unedle Neigungen zu schaden; und meistentheils zu wenig geistlich, um einander mit sanftmüthigem Geiste zu ertragen und zu bessern."


 

1.5. Gesellschaftliche Umgebung

Von Bahnmaier stammt die Erkenntnis, dass der gesellschaftliche Standort der Lehrer insofern ein wesentliches Problem ist, als er eben keinen hat: er "hängt" immer dazwischenBAHNMAIER 1824, S. 128f..

Ueber die Licht= und Schattenseite des Schullehrerstandes.

a) Indem der Schullehrer zwischen dem Gelehrten und dem Ungelehrten mitten inne steht, und zwar von manchen Seiten literarische Bildung besitzt, wenigstens besitzen kann und soll, - jedoch nicht in größerem Umfange der Wissenschaft, sondern zunächst nur in seinem abgegränzten Fache; . . .

b) Insofern der Schullehrer in der Mitte steht zwischen dem Geistlichen und dem Layen, und seines Berufs halber manche Kenntnisse besitzt und besitzen soll, steht er ebenfalls in Gefahr, in eine geistliche Selbstgenügsamkeit zu verfallen, in welcher er glaubt, er dürfe, da er selbst Religionslehrer sey, von einem Andern hierin nichts, oder doch nicht viel weiter lernen. . . .

c) Der Schullehrer steht endlich zwischen dem Honorator und dem schlichten Bürger.

Bahnmaier darf aber nicht insofern falsch verstanden werden, als dass alle Lehrer dieser Zeit jeweils gleichermaßen "dazwischen" stehen. Mancher war weit unten, andere hatten eine direkte oder kurze Verbindung zu den geistigen Größen ihrer Zeit. Vom Sohn des Ludwigsburger Schulmeisters Israel Hartmann schreibt BertschBERTSCH 1910, S. 45.:

David hatte seinerseits unterdessen eine Verbindung angeknüpft mit der Akademie der schönen Wissenschaften in Erfurt und war zu Männern von bedeutenden Namen, wie Schubart und Wieland, Göthe und Herder in Beziehung getreten, hatte selbst auch bereits angefangen, durch kleinere Aufsätze, die er schrieb, sich einen wissenschaftlichen Namen zu machen.

Hartmann pflegte solche Verbindungen auch selbst, kann aber kaum als Durchschnitts-Schulmeister verstanden werden.


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